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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 8 · p. 457

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 8
Article
Der werdende Mensch und der werdende Jude
Date
1921-01-01
Page
457 (sequence 1)
Language
German
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IRI
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ERNST SIMON I DER WERDENDE MENSCH UND DER WERDENDE JUDE Dem lebendigen Andenken des Ralhiners Dr. N. A. Nohel in ehrfürchtiger Dankharkeit. I. Denn die Gefahr ist die Pforte der tiefen Wirklichkeit, und Wirklichkeit ist der höchste Preis des Lebens und Gottes ewige Geburt. Martin Bub er im „Daniel". Politik hat als Aufgabe des Lebens und als Gegenstand des Schreibens heute viel von dem Wert verloren, den man ihr vor 150 und auch vor 50 Jahren noch zubilligte. Die Erfahrungen des kaiserlichen, des kriegerischen und des reformistischen Deutschlands haben es gemeinsam dahin gebracht, daß der von höherem Streben Getragene zwar meint, sein „Talent" und mehr noch seine Talente im „Strom der Welt" bilden zu können, daß er sich aber für die Pflege des „Charakters" die „Stille" erwählen zu müssen glaubt. Jenes für unsere Zeit tief bezeichnende Wort von der Politik, die den Charakter verderbe, meint das genaue Gegenteil des Tasso-Verses, den wir eben beriefen. Zugleich mit dieser Wandlung im Werten ist aber eine umgekehrt verlaufende Wandlung der Praxis festzustellen: die Beschäftigung mit der Politik, die rückhaltlose Hingabe an . ihre Bindungen und Lockerungen hat sich gegen jene Zeit ihrer Hochschälzung außerordentlich gesteigert. Beide Erscheinungen stehen in der Weise miteinander im Zusammenhang, daß sich der Politiker heute den Dingen der sogenannten Realität ausliefert und voller Resignation der Abbröckelung seines Charakters zusieht, daß er von seinem Schicksal weiß und es zynisch bekennt, da er es ja doch nicht ändern könne. Stillschweigend oder" offen wird ihm die Lüge als Werkzeug seines Berufes zugebilligt, wie dem Dichter die „poetische Lizenz", dem Rechtsanwalt die Pflicht, seinen Klienten „auf alle Fälle zu verteidigen«, dem Kaufmann die Steuerhinterziehung und dem Einbrecher der Gebrauch des Dietrichs. Die Beurteilung des einzelnen Menschen richtet sich in den Fällen und für die Kreise, die sich mit den betreffenden Berufen überhaupt abgefunden haben, nach dem, was er „sonst", also außerhalb seines Lebenswerkes tut und ist. Für die andern, die hier nicht mitgehen können, bleibt nichts übrig als Ablehnung dieser verdorbenen Welt, in der Einsamkeit oder im Literaturcafe. Heft 8 ■' 3°

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