Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Aus der Vorgeschichte des Zionismus
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 455 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Geschichte 455 herauszugeben, stellte sich Pinsker auf den Standpunkt, daß nur ein allgemeiner jüdischer Kongreß dieses Problem entscheiden könnte, da die West- und viele Ostjuden auf Plnskers Ruf überhaupt nicht reagiert hätten, und nur ein Teil der russischen Juden auf Palästina eingestellt wäre. Nicht nur die Frage des Landes blieb in gewissem Sinne ungeklärt, auch über andere Probleme Wie die Rückführung der Juden zur Landwirtschaft gab es noch kein Einverständnis. Viele, auch in Rußland, erblickten in dem jüdischen Kolonisten einen Schnorrer, überhaupt etwas Minderwertiges. Zu alledem kamen die leidigen persönlichen Differenzen innerhalb der Organisation selbst, die jeden Fortschritt hemmten. Die Etabüerung zweier Zentralen, die Verlegung „des Kopfes nach Odessa und der Kanzlei nach Warschau" hatte sich nicht bewährt Besonders unzufrieden war man mit der Haltung von Rabinowitz, der ohne jede Disziplin eigenmächtig in seinem einflußreichen Amte waltete. Lewanda, der besonders heftig dieses Vorgehen tadelte, wollte eventuell unter Ausschaltung von Rabinowitz, dessen große Verdienste und Fähigkeiten er voll anerkannte, die ganze Leitung nach Odessa verlegen. Mehr Kopfzerbrechen als diese Frage machte den Chowewe-Zion die Frage des Sitzes des Zentralkomitees im Ausland. Es bestanden in dieser Hinsicht verschiedene Vorschläge: Berlin, Königsberg i. Pr., Breslau, Hamburg, Wien, London. In Berlin sollte der rührige und der Idee ergebene Kaufmann S i m m e 1 den Vorsitz übernehmen, man hoffte dort auf die Unterstützung Asriel Hildesheimers und seines Sohnes Hirsch und hoffte, den Gemeinderabbiner Ungerl eider als Pendant zu dem Führer der Orthodoxie zu gewinnen. Trotz Simmeis energischem Eintreten für Berlin und Hirsch Hildesheimers eifriger Arbeit in den Logen erwies sich dieser Vorschlag nicht als zweckmäßig. Berlin war ein schwieriger Boden, man hatte dort weder auf liberaler noch auf orthodoxer Seite mit ernsthafter Unterstützung zu rechnen. Hildesheimer (Vater) woüte wegen Arbeitsüberlastung und, um nicht die Sache von vornherein zu einem orthodoxen Unternehmen zu stempeln, nicht mittun. Einige Zeit dachte man an G.raetz als Vorsitzenden. Graetz war von Pinsker auf der Rückreise von Kattowitz in Breslau besucht und über die auf der Konferenz bestimmte Zahl von Mitgliedern des Zentralkomitees hinaus zu dessen Mitglied gewählt worden. Daß er als Mann der Theorie sich für ungeeignet «wt, an die Spitze eines praktischen Unternehmens zu treten, ist begreiflich. Aber es waren andere Gründe, die seinen Anschluß an die Bewegung verhinderten, Graetz hatte gemeint, daß es sich im wesentlichen nur um eln rein Philanthropisches Unternehmen handle, und als er den nationalen Charakter der Idee erkannte, trat er aus dem Zentralkomitee aus. Später lenkte er wieder etwas ein, beteuerte seine Sympathien für die Sache, schloß sich den Breslauer Chowewe-Zion an, jedoch stets betonend, daß die deutschen Juden in der Palästinafrage keine nennenswerte Rolle spielen können, und der Schwerpunkt in Rußland liegen müsse. Auch London mit Montague an der Spitze erwies sich nicht als geeigneter Sitz des Zentralkomitees, und gegen die anderen Städte konnten die Bedenken ebenfalls nicht zerstreut werden. Eine besondere Schwierigkeit bei der Wahl eines ausländischen Zentrums bestand darin, daß kein geeigneter Sekretär vorhanden war. Rabinowitz, der alsder Befähigteste angesehen wurde, hatte wegen seiner Eigenmächtigkeiten keine Aussicht auf Wahl und die Idee, ihm zur Kontrolle und Hilfe Simon Bernfeld beizugeben, begegnete auch starken Einwänden. Schließlich erwiesen sich alle vorgeschlagenen Lösungen als ungangbar; es mußte bei dem Sitz der Zentrale in Rußland bleiben. Die in den Versuchen zur Gewinnung der Westjuden gesammelten Erfahrungen waren nichts weniger als ermutigend. Es fehlte dort an dem rechten Schwung, aber auch in Rußland selbst. Ohne dabei gerade an solche Kuriositäten zu denken wie einen Odessaer Kolonisationsverein, an dessen Spitze ein geschworener Feind der hebräischen Sprache stand, muß man doch den kritischen Warnungen Lewandas recht geben, der seinen Freunden immer deutlich vor Augen hielt, daß man trotz der aufopferungsvollsten Arbeit nicht vorwärts komme. Die Idee war noch lange nicht ins Volk gedrungen, es gab höchstens einige Idealisten, die mit Hingabe dem Werke dienten. Auch von allen den Plänen, die auf eine Ausgestaltung des Propagandamaterials durch Herausgabe von Broschüren, Zeitschriften, Sammelbüchsen usw. abzielten, war nicht viel zu erwarten. Der ganze Propagandaapparat ruhte aus Mangel an Geld und Kräften auf schwachen Füssen. Wanderpredlger von zündender Beredsamkeit, wie Masslianski, und andere tüchtige Redner wurden entsandt, Zeitschriften subventioniert und manches andere geschah, aber das führte nicht weit. Der einzige bedeutungsvolle Propagandabeitrag, der freilich etwas späterer Zeit angehört, war die Herausgabe des Sammelbuches „Knesset Jisroel" durch Rabinowitz, ein rein privates Unternehmen, das bei jasinowski Bedenken hervorrief, well des Herausgebers Meinung allzuleicht mit dem offiziellen Standpunkt der Chowewe- Zion verwechselt werden könnte, weshalb eine entsprechende autoritative Erklärung seitens der Organisation oder eine Genehmigung des Herausgebers zur Veröffentlichung des Materials notwendig sei. Ueber die geringen Fortschritte hätte man noch hinwegkommen