Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Aus der Vorgeschichte des Zionismus
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 451 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Geschichte 45* ihm Im Interesse der Kolonisationssache in Verbindung zu treten, angesehen wurde. Die Lage der Kolonisten war damals eine sehr traurige. Elend und Krankheit waren bei ihnen ständige Gäste. Und so sehr sie auch dem Geiste und ihren Zielen nach sich von dem „Schnorrertum", das Palästina vollständig beherrschte, unterschieden, so war doch die Basis dir Kolonisation ungesund und ohne Unterstützungen eine Entwicklung unmöglich. Nicht so sehr diese materielle Frage, die sich vielleicht -hätte lösen lassen, als vielmehr der moralische Druck lastete schwer auf den Kolonisten. Aus der Fülle der Erlebnisse, die uns in den Briefen diese Leiden der Kolonisten vor Augen führen, sei eins als besonders charakteristisch angeführt. Der Direktor der Schule in Mikweh- Israel S. Hirsch — so berichtet der Kolonist Chajim C h issi n aus Gederah an Dr. Pinsker — hatte aus einer Gruppe der Bllu von 25 Personen nur 12 die Erlaubnis zur Mitarbeit in Mikweh-Israel erteilt, während die anderen mit ihnen den einen Franc pro Kopf und Tag betragenden Arbeitsverdienst teilen mußten. Zum Aufseher war ein Araber bestimmt, der sie zur Arbeit antreiben sollte. Gearbeitet wurde von 6 bis 12 Uhr vormittags und von 1 bis V28 Uhr nachmittags. Trotz dieser schweren Lage verzweifelten sie nicht, und als Charles Netter während Hirschs Abwesenheit nach Palästina kam, schien sich ihre Hoffnung neu zu beleben. Denn bald nach seiner Ankunft wurde den Etilu ein Platz zum Bau eines steinernen Hauses angewiesen, an dem sie mit größter Aufopferung, doch mit zuversichtlicher Erwartung einer besseren Zeit ohne Rücksicht auf Krankheit und Unglücksfälle, von denen sie heimgesucht wurden, arbeiteten. Als jedoch Netter unerwartet erkrankte und kurz darauf starb, kehrten die alten Mißstände wieder. Mancher Heß den Mut sinken und beschloß, nach Rußland zurückzukehren. Eine neue Hoffnung schien von Rischon - Lezlon zu winken, wo man ihnen mehrere Steinhäuser, die sie selbst errichten sollten, versprochen hatte. Aber als auch diese Aussicht zunichte geworden war und sie sahen, daß sie von den Kolonisten nur als Ausbeutungsobjekt behandelt wurden, suchten sie endlich in der von den Bilu begründeten Kolonie Gederah Zuflucht. Auch dort war ihre Leidenszeit noch lange nicht zu Ende, aber sie durften «ne Aenderung ihrer moralischen Situation n«n wenigstens inmitten einer gleichgestimmten und ideal gesinnten Sphäre erwarten. 7- Am bedenklichsten war die Hemmung Oer Kolonisation durch das strenge Einwanderungsverbot. Zwar hieß es, daß dieser «efehl nicht von Konstantinopel, sondern von dem Jerusalemer Pascha erlassen worden war, der angeblich die Entstehung einer zweiten bulgarischen Frage vermeiden wollte unter dem Vorwand, daß die europäischen Antisemiten in Palästina ein Refugium für die Juden erblicken könnten. Indes die Hoffnung auf Abberufung und Ersatz dieses Judenfeindes war gering, im Gegenteil, die Pforte ordnete an, _daß jeder Zuwanderer sich verpflichten müsse, nicht länger als 30 Tage im Lande zu verweilen. Solche Verhältnisse waren auf die Dauer unhaltbar und legten die Befürchtung einer baldigen Liquidation der Kolonisation bei pessimistisch Gestimmten nahe. Da tauchte der Gedanke einer Belebung der Idee durch die Hilfe Montefiores auf. Der Gelehrte Sch. J. Fünn knüpfte die Fäden mit Ramsgate, dem Wohnsitz Montefiores an und fand lebhaftes Verständnis bei Montefiores Sekretär, Dr. L. Loewe. Der 100. Geburtstag des Patriarchen schien auch Loewe ein guter Anknüpfungspunkt zu sein, doch waren manche Bedenken vorhanden, trotzdem die Sympathien Montefiores für das Kolonisationswerk ohne Zweifel sehr lebhaft waren. Die reichen und maßgebenden englischen Juden wollten nämlich Montefiores Juhiläum zu einer allgemeinen und nicht speziell jüdischen Ehrung gestalten und auch Christen sollten sich daran beteiligen. Eine weitere Schwierigkeit ergab sich aus dem Umstand, daß die Türkei eben das Einwanderungsverbot verschärft hatte. Gleichwohl waren einige prominente jüdische Persönlichkeiten wie Nathan Adler und sein Sohn Hermann, nachmaliger Chief-Rabbi, der Hoffnung, daß der Plan, welcher in der Gründung einer Kolonie auf den Namen Montefiores und der Herausgabe eines Sammelwerkes zu seinen Ehren bestand, sich verwirklichen lassen werde. Tatsächlich standen in London aus Sammlungen etwa 20.000 Pfund zur Verfügung, und der Advokat Dr. Markus Adler reiste zur Besichtigung der Kolonie nach Palästina. Sein Bericht lautete freilich ungünstig, da nach seiner Ansicht unter den augenblicklichen Verhältnissen nichts erreicht werden konnte. Pinsker war gegen jede laute Propaganda, da alles erst gründlich vorbereitet werden müßte, und er jede Polemik mit Andersdenkenden vermeiden wollte. Auch Jasinowski in Warschau betonte dies und erklärte, daß das Programm für alle jüdischen Richtungen annehmbar gestaltet werden müßte. Als geeigneter Unterhändler in London und in Paris — auch Baron.Rothschild sollte interessiert werden — wurde David Gordon, der Redakteur des „Hammagid* bestimmt. Die Hoffnungen auf einen glücklichen Ausgang der Verhandlungen mit Montefiore und Rothschild, und eventuell mit dem polltisch sowie finanziellsehr einflußreichen Montague belebten die Stimmung unter den Chowewe-Zion, die damals unter dem Eindrucke einer mißglückten Reise Rabbi Samuel Mohilewers nach Petersburg standen. Mohilewer war dorthin mit dem Projekt einer auf phüan-