Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Aus der Vorgeschichte des Zionismus
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 450 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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450 Umschau: Geschichte auf einen toten Punkt, und man stand in dieser Hinsicht dem Nichts gegenüber. Unterdessen war das Augenmerk der Chowewe-Zion auf den Ausbau ihrer Organisation gerichtet. Im Sommer 1883 kam eine Fusion der Warschauer Chowewe-Zion, unter denen damals S. P. Rabinowitz (Schefer) die wichtigste Rolle spielte, mit dem von Dr. Zamenhof, dem Esperantoerfinder, geleiteten Verein „Scheerit Jlsrael" zustande. Diese Vereinigung hatte weniger den Zweck der Gründung neuer Gruppen als einer Organisierung der Sammlungen, von denen 90°/0 an Rabbiner Dr, Salvendi in Dürkheim abgeführt, io°/0 zur Erhaltung der Vereine verwendet werden sollten. Die Ueberwelsung der* Gelder an Salvendi zeigt, daß es dabei in erster Reihe auf Unterstützung der bestehenden Kolonisation durch eine Art von Chalukah ankam, weniger dagegen auf neue Gründungen. Im übrigen war dies alles nur als provisorische Regelung gedacht, die Entscheidung jedoch auf eine Konferenz verschoben. Am 23. September 1883 fand in Kattowitz eine Vorbesprechung statt, welche den Entwurf einer Organisation mit einem Zentralkomitee an der Spitze ausarbeitete. Dieses „Zentralkomitee für die Kolonisierung des heiligen Landes" sollte seinen Sitz an dem von den Delegierten jährlich zu bestimmenden Orte haben, aus 7 Mitgliedern (4 am Orte des Komitees) und je einem Delegierten der Vereine bestehen. Die laufenden Geschäfte besorgt ein Permanenzausschuß. Weitere wichtige Bestimmungen waren: „Das C. C. hat folgende Pflichten: 1. Für die Kolonisierung in immer weitern Kreisen Propaganda zu machen, a. Sobald als tunlich im heiligen Lande eine Kommission einzusetzen, welche die Kolonisierung vorbereitet und leitet. (Für die Tätigkeit dieser Kommission ist eine ausführliche Instruktion zu geben.) 3. Sobald als tunlich, aber nur nach Majoritätsbeschluß aller Vereine eine Kolonie in größerem Umfange zu etablieren und 4. unter allen im heilten Lande bestehenden Kolonien eine solche Verbindung anzubahnen, wie sie der Zweck erfordert, insbesondere Versicherungs- und Rüfssozietäten einzurichten. Sobald in den Vereinskasser* sich ein Bestand von mindestens 500.00c Mark befindet, wird das C. C. den Ankauf von Ländereien, den Bau von Häusern, Brunnen und anderen nötigen Anlagen beginnen, und nachdem alles fertig gestellt sein wird, die Kolonisten installieren. Die in Aussicht genommenen Kolonisten können jedoch vorher schon als Handwerker und Arbeiter gegen Lohn verwendet werden. Die Einrichtung der Kolonien geschieht unter Leitung der einzusetzenden Kommission. Die Kolonien sind Eigentum der Vereine nach Verhältnis ihrer Einzahlungen, doch kann kein Verein die Rückzahlung eines Guthabens eher verlangen, als der. eingeführte Amortisationsmodus es gestattet. Die Kolonisten erhalten in den Kolonien nur ein Eigentum, wenn sie eine festzusetzende Einzahlung leisten können und imstande sind, die Reisekosten aus eigenen Mitteln zu decken und im ersten Jahre sich auf eigene Kosten zu ernähren. - Für arme Familien kann das C. C. die Anzahlung bestreiten. Als Kolonisten werden nur solche Leute aufgenommen, die das 40. Lebensjahr noch . nicht überschritten haben und die selbst, wie auch ihre Familie körperlich und geistig gesund sind, sich eines guten Rufes erfreuen, verträglichen Charakters und für die heilige Sache der Kolonisierung des hl. Landes begeistert sind. Jeder Kolonist hat für sich und seine Angehörigen einen Eid zu leisten, daß er der vorgesetzten Kommission bei Verlust seiner Anzahlung unverbrüchlich Folge leisten werde." Zum Zwecke der Kapitalsbeschaffung sollten Aktien ausgegeben werden. Im Hinblick auf gewisse schwierige Bestimmungen des deutschen Aktiengesetzes wurde die Form der „eingetragenen Genossenschaft" als vorteilhafter angesehen. — In der Erörterung über den Statutenentwurf zeigte sich, wie stark die Tendenzen der Chowewe-Zion von philanthropischem Geiste, wenigstens in den Vorstellungen einzelner, durchsetzt waren. Eine bedeutende Schwierigkeit für die Propaganda lag in dem Fehlen eines publizistischen Organs, denn die jüdische und hebräische Presse, einschließlich des von Lehrer Freithal in Kattowitz redigierten „Colonist" genügte nicht. Die von der Wiener Studentenverbindung „Kadimah* gegebene Anregung auf Gründung einer Zeitschrift „Der Jude" wurde nicht verwirklicht. Insbesondere machte sich der Mangel an geeigneten Druckschriften und Broschüren fühlbar, denn abgesehen von der im Jahre 1882 erschienenen „Autoemanzipation" Dr Pinskers (später hebräisch von Zitron unter dem Titel „Im en ani Ii ml 11", jüdisch von Abramowitz „A segule zu jidische zores") war so gut wie nichts vorhanden. Die an der Spitze der Chowewe-Zion stehenden Männer waren sämtlich verdienstvolle und der Sache tief ergebene Persönlichkeiten, aber keiner verfügte Über einen Namen, der auch für die ganze Judenheit ein Programm, eine Parole hätte .bedeuten können. Und so lag der Gedanke nahe, nach einem solchen Namen zu suchen, dessen Träger wegen seiner allgemeinen Verehrung in der Judenheit und seines Wirkens eine Attraktionskraft bilden könnte. Dieser Mann war Moses Montefiore, dessen bevorstehender 100. Geburtstag (28. Oktober 1884) als eine gute Gelegenheit, mit