Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Aus der Vorgeschichte des Zionismus
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 449 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Geschichte 449 keit der Notabein, die nun einmal um jeden Preis an der Abneigung gegen die Emigration in welcher Form immer festhielten, war nicht zu erschüttern, und Baron Günzburg ließ eine ausführliche Eingabe der hebräischen Schriftsteller Rabinowitz, Lilienblum, Jehalel, Jakob Lipschütz, S. Friedberg, die ihm Vorschläge zur Regelung der Emigration unterbreiteten, einfach unbeantwortet. Der innere Widerstand der Notablen vermochte jedoch die Talsache nicht aus der Welt zu schaffen, daß an der russisch-österreichischen Grenze sich ein gewaltiger, kaum zu bändigender Emigrantenstrom staute und die Hilfskomitees unter Mitwirkung der „Alliance Israelite Universelle" die Hände voll zu tun hatten. Mehr noch, der Drang aus der russischen Hölle ward auch bei denen, die noch zurückblieben, immer stärker. Dieser Emigrantenstrom wurde fast ausschließlich nach Amerika abgelenkt, von einer Einwanderung nach Palästina in größerem Stile konnte " damals aus verschiedenen Gründen keine Rede sein. Auch die theoretischen Diskussionen brachten noch keine Klarheit über die Frage Amerika oder Palästina. Von Seiten der jüdischen Notablen wurden allerlei Gründe gegen Palästina geltend gemacht, man berief sich auf die „Alliance", die auf dem Berliner"Kongreß (1878) angeblich Beweise dafür vorgelegt hatte, daß die russischen Juden gar nicht nach Palästina gehen wollten. Und viele der Vereine zur Förderung von Emigration und Kolonisation hatten sich keineswegs von vornherein für Palästina entschieden, sondern schwankten in ihrem Entschlüsse. Aber bei den meisten von ihnen zeigte sich bald die Wandlung, und die Arbeit für Palästina wurde ihr ausschließliches Betätigungsfeld Zu der Zeit, zu welcher unsere Briefe beginnen, bestand außer Mikweh-Israel, das 1869 gegründet wurde, nur die 1878 errichtete Kolonie Fetach- Tikwah, und im Verlauf der hier behandelten Epoche entstanden während des Jahres 1882 Rischon Lezion und durch die Arbeit der Bilu Gederah, kurz darauf, von rumänischen Juden ins Leben gerufen, Sichron Jakob oder Samarin, 1883/84 Wadi el Chanin, Jessod Hamaalah. Man weiß, wie wenig gesichert in jeglicher Hinsicht diese Kolonien waren, und wie jede politische und finanzielle Fundierung nuen bitter nottat. Das verstanden die Chowewe-Zion sehr wohl, und sie begannen deshalb bald nach beiden Richtungen Schritte zu unternehmen. Noch bevor auf der Kattowitzer Konferenz die Aufnahme von Verhandlungen mit der Türkei beschlossen worden war, hatten die Chowewe-Zion, mit besonderer Unterstützung von Laurence Oliphant in ^onstantinopel sich um die Erlangung eines £irman bemüht. Oliphant, Verfasser des Ruches „The Land of Gilead«, gehörte zu Jenen englischen Kreisen, die infolge ihres lebhaften Interesses für das Volk und das Land der Bibel besondere Sympathien für die Palästina-Kolonisation bekundeten und ihr Bestes dafür einsetzten, wie auch der Erzieher des englischen Kronprinzen Reverend Hechler, der schon in den 80er Jahren zur Förderung des Palästinawerkes viel beigetragen hat und späterhin Herzl große Dienste" erwies. Die besonderen Schwierigkeiten, denen die Konstantinopler Verhand-, lungen begegneten, lagen in den religiösen Vorurteilen der Mohammedaner, den Einflüssen, die auf den Sultan von vielen Seiten geübt wurden, und schließlich in der ägyptischen Frage, die englische Unterhändler den Türken besonders verdächtig erscheinen ließ. Schon waren die In Konstantinopel anwesenden Vertreter der Bilu durch den Kriegsminister Osman Pascha, der während eines mehrmonatlichen Aufenthalts in Charkow die Bestrebungen unter den dortigen jüdischen Gtu Kenten kennen zu lernen Gelegenheit hatte, an den Großvesir empfohlen worden, als dieser abdankte. Auch Graf Commondo, einer der einflulJreichsten und vermögendsten Juden der Türkei, mit dem Verbindungen angeknüpft worden waren, tat nichts. In Rußland war inzwischen die von Ignatiew erteilte Auswanderungsfreiheit durch ein ausdrückliches Emigrationsverbot des Grafen Tolstoi aufgehoben worden, und das wirkte lähmend auf die Propaganda und Stimmung. Gleichwohl war Oliphant, über den die Chowewe-Zion geteilter Meinung waren (manche hielten ihn für einen Charlatan und gänzlich einflußlos), bei der Pforte unablässig tätig und hoffte, dabei die Unterstützung Eduard Casselets und Bleichröders zu gewinnen, die durch Eisenbahnkonzessionen für Syrien und Mesopotamien an der Sache der Palästinakolonisation interessiert erschienen. Die Methode, die ohne reale Unterlagen von den Verhandlungen alles Heil erhoffte, hatte sich nicht bewährt, und vielleicht waren die im Recht, welche, wie M. Pines, schon damals zuerst die Schaffung einer Kreditbasis durch Landankauf in möglichst jjroßem Umfange oder nach einem anderen Projekte durch Gründung einer Bank mit zehn Millionen Pfund Kapital verlangten, deren Aufsichtsrat die Verhandlungen mit der Türkei führen und die Kolonisationstätigkeit inaugurieren sollte. Ueber alle diese Fragen herrschte unter den Chowewe- Zion selbst Meinungsverschiedenheit, insbesondere gingen die Ansichten über die Möglichkeiten der Gewinnung der vermögenden Kreise sehr weit auseinander. Denn während die einen verschiedene Anzeichen für eine Bereitwilligkeit der „Großen" erblicken wollten und sich auf deren „jüdisches Herz" verließen, sofern die Chowewe-Zion auf eigene Leistungen hinweisen könnten, meinten andere, daß die Hoffnung auf Hilfe von _ dieser Seite nur sehr gering sei. Alle Anknüpfungsversuche an die Türkei gerieten