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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 7 · p. 448

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 7
Article
Aus der Vorgeschichte des Zionismus
Date
1921-01-01
Page
448 (sequence 2)
Language
German
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448 Umschau: Geschichte archivs dem ehemaligen Redakteur des Haolam Herrn A. Drujanow, der die ihm vorliegenden Dokumente durch Briefe aus den Nachlässen von Lilienblum, Rabinowitz (Schefer), Lewanda u. a. ergänzte und daraus ein Urkundenbuch schuf, dessen erster Band*) während des Krieges in mehreren tausend Exemplaren gedruckt wurde, zum überwiegenden Teil aber der Vernichtung durch die Sowjetbehörd^n verfiel, während nur etwa 50 Exemplare nach Palästina gerettet wurden, von denen eines durch Zufall in unsere Hände geriet. Dieser Band von etwa 550 Briefen ist keine gewöhnliche Briefsammlung, wie die Dinge, von denen er erzählt, nicht gewöhnlicher Art sind. Die Ereignisse, die er umspannt (1882—1886), die Vorgeschichte der Kattowitzer Konferenz, dieKonferenz.selbstund deren Nachwirkungen stehen am Beginn einer Geschichtsepoche, die noch in unsere Tage reicht und der wir alle mit dem Sinne unmittelbar Interessierter gegenübertreten. Darum ist es nicht leicht, einen Maßstab für die Beurteilung der Dinge und Menschen zu finden, die noch in greifbarer Nähe zu stehen scheinen, und vielen von uns doch so sehr entrückt sind, daß man versucht wäre, durch eine Apologie ihr Bild in lebendige Erinnerung zu rufen. Wie allen Pionieren, so erging es den Bilu und ersten Chowewe-Zion. Solange sie in der Vollkraft ihres Schaffens standen, ehrte und pries man ihre Taten, und als sie erlahmten, ging man mit der überlegenen Geste der neuen Generation über alles, was ihnen zu danken ist, hinweg und überließ die im Lebenskampf zermürbten Greise ihrem Schicksal. Und schon deshalb soll einiges hier angedeutet werden, was sich dem nicht dogmatisch auf eine konventionelle Beurteilung der ersten Chowewe-Zion Eingestellten bei der Lektüre naturgemäß aufdrängt**) Die Strömung der „Zionsliebe" stand am Beginn ihrer Organisationsversuche, die nationale Idee, die in der Seele des Volkes lange genug geschlummert und das ganze neunzehnte Jahrhundert hindurch Immer wieder vereinzelte Künder gefunden hatte, erschien, begünstigt durch eine Reihe von Momenten, vielen als der Rettungsanker angesichts des Schiffbruchs der Haskai ah, der Aussichtslosigkeit des Assimilantismus, der in Rußland nicht minder stark wie in Westeuropa gewirkt hatte, der Starrheit des Tradltlonalismus und der Bestürzung nach den Pogromen. Im Kerne wurde die nationale *) KetabimletoldotChibatZion wejischub Erez-Israel I Odessa 1919. '**) Die folgende Zusammenfassung wichtiger Momente aus den Briefen gründet sich nur auf die Sammlung Drujanows, ist also, da sie anderes Material unberücksichtigt läßt, unvollständig. Idee zwar zur Ueberwinderin der Haskalah, ist aber doch in gewissem Sinne ihr Kind geblieben, indem sie deren Rationalismus und Areligiosität übernahm, aber doch, von einer höheren Schätzung der Eigenkultur erfüllt, mit historisch orientiertem Blick den Aufbau der nationalen Schaffenskraft in der Kontinuität der geschichtlichen Tradition erblickte. In dieser Erkenntnis lag die Werbekraft der nationalen Idee, welche dank den grausamen Erschütterungen des jüdischen Lebens durch die Pogrome auf eine wohl vorbereitete Stimmung stieß, Smolenskin, der unentwegte Streiter gegen die „Berliner Lügenlehre" und ihren geistigen Vater Mendelssohn, gegen die „Alliance Israelite Universelle" und deren Versuche, die Auswanderung nach Amerika abzulenken, Ben Jehuda, der Verfechter des Anrechts der Juden auf Ihr Land und ihre Sprache, M. L. Lilienblum, in dem sich in besonders markanten Zügen der üebergang von Haskalah zur nationalen Parole verkörperte, Leon Lewanda, der am Ende seines Lebens die von ihm so fanatisch verfochtene Assimilationsideologie zusammenbrechen sah, der Dichter Jehalel (Jehuda-Löb Lewin) und der Publizist J. L. Dawidowitsch, die aus der sozialistischen Gedankenwelt kamen, bildeten neben anderen, die noch zu nennen sein werden, die literarische Avantgarde, Indes alle Ihre programmatischen Enunziatlonen wären nicht Über den Rahmen theoretischer Erörterungen hinaus gediehen, hätten nicht die Verhältnisse zu einer Organisierung der Kräfte in Rußland und anderwärts sowie auf stärkere Aktivität in Palästina hingewirkt. Die Pogrome von 1881/82 hatten eine völlige Ratlosigkeit in den oberen Schichten der russischen Judenheit erzeugt. Während die von den Verfolgungen unmittelbar betroffenen Kreise mit der Parole »Auswanderung** reagierten, gaben sich die jüdischen Notabein der täuschenden Hoffnung hin, durch Audienzen beim Kaiser und bei Ministern eine Wendung der Dinge herbeiführen und die Gemüter beschwichtigen zu können. Aus purer Besorgnis um ihre staatsbürgerliche Stellung waren die jüdischen Notabein, insbesondere Baron Günzburg, entschiedene Gegner der Emigration. „Russki Jewrej" und „Woschod", die Sprachrohre der Assimilanten, bekämpften energisch die Emigration, nur „Rasswjet" trat für sie ein In däese Beschwichtigungsversuche fuhr wie ein Blitz die Unterredung zwischen dem Grafen Ignatiew, dem Vater der „temporären Maßnahmen" Über das Wohnrecht der Juden (3. Mai 1882), und dem Bruder des bekannten Rechtsgelehrten Ilja Orschanskl. Ignatiew hatte erklärt, daß die Juden unter keinen Umständen aus dem Ansledlungsrayon in das übrige Rußland gelassen würden, daß ihrer Auswanderung dagegen kein Hindernis im Wege stehe. Aber die Zähig-

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