Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Jüdisches Wesen und Dichtertum
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 439 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdisches Wesen und Dlchtertum. 439 III Es ist nicht zufällig, daß der Jude an der realistischen Bewegung epigonenhafter, weit geringer beteiligt war als an der neuen.' Die jüngere Generation schlug geistige Richtungen ein, mit denen sein Wesen zusammentraf, um spirituelle Dichtung zu werden. Aber es widerspricht diesem Wesen nicht, daß sein Verhältnis zum Körperlichen und Gegenständlichen sich immer erneuern muß. Die Kunst allgemein geht in eine frische Vermählung mit den Dingen, nicht naturalistisch sondern mythisch. Aber nur die Zeit, die auch zum Körper Beziehung hat, erhält den Mythos. In ihm wird das Göttliche körperlich, das Körperliche göttlich. Gott gedenkt der lebenden Gestalt, der Menschengestalt, und durchdringt sie in Verwandlung. Empfänglich dafür ist nur ein Mensch, der auch selbst wieder seiner Gestalt gedenkt. Sie wird unserem Leben bewußter. Und die Dichtung verläßt ihr letztes Symbol einer kantigen, um sich selbst sich drehenden Intellektualität. Die große Stadt sieht sich im Walde stehn, umrauscht, das große Ghetto, in dem nur der halbe Mensch frei lebte. Der Geist regte sich da beliebig und schärfte seine äußersten Spitzen. Aber die fühlende Hand lag eher brach, die Kräfte des Blutes hungerten. Aus den halben Zeugungskräften, aus der Selbstwollust des Willens entstehen „unechte Zeugungen", wie man die Gespenster benannt hat. Und nicht jeder weiß: wann er selbst in solchem Wüstenkreise wirkte. Manche Tat (maskiertes Programm) und manches Gedicht geistern dort verweht umher. Zahlreich hängen die Verirrten an den Dornen, dahin sie als allzu eifrige Teilnehmer am neuen Zug gerieten. Andere aber entdecken im Bau ihrer Jugend eine Schicht, zugeschüttet von einem Feuerberg. Sie waren empfänglich aus der Landschaft in den großen städtischen Ausbruch der Intellektualität gekommen und wurden von vielen Blitzen und vielem Rauch geblendet, gerissen in den erstarrenden Schlackenstrom. Sie fühlen, daß sie hindurch gelangt sind. Sie atmen gut, wie Menschen, die keine wesentliche Last verwerfen; die nicht nur ihren Druck sondern auch ihre Notwendigkeit in sich aufnahmen. Die auf die Spitze getriebene Zeit und ihr bewohntester Ort mußten einmal sein. Der Jude vor allem konnte sie nicht umgehen. Das will ihn nun desto stärker weitertreiben. Eine neue Stadt erglänzt in der Dichtung, ihre Mauern Wellen, weithin alle zu verbinden; ihre Blüte aus der Nacktheit der Erde und der Leibhaftigkeit des Menschen. Nur mit der Teilnahme des vollen Seins sind - auch die Welten des Geistes zu verwirklichen! Grund und Ziel schlagen zusammen. Und wie im Macbeth der Wald von Dunsinan vorrückt, kommt freudig und drohend, die Ländschaft zur Stadt heran, Zweige, vom Geist getragen, Kreaturgeiühl mischt sich in das Straßentum des Willens.