Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Jüdisches Wesen und Dichtertum
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 440 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101175-3101183-3107047--5283-3107110- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
440 Alfred Wo Ifen stein: Jüdisches Wesen und Dlchtertum Das jüdische Verlangen nach Einheit hat die Stadt mit ihren Gleichformtrieben mitgebaut. Sie enthüllt sich als Stätte der Einseitigkeit. Das ist die falsche Einheit. Sie kommt, wenn die hohe Aufgabe zu leicht gestellt wird. Der Umkreis dessen, was der hier herrschende ungeistige Kopf einbezieht, ergibt nur die punkthafte Einheit dieses Kopfes. Wer die Welt ahnt, wird nicht weniger als diese ganze zur Einheit zu bringen sich mühen. Er sieht von keinem Stoffe ab, — bis er von allem absehen kann. Dies gerade leistender Bewohner dieser-Zeit nicht. Zu billig ist in ihm das Übergewicht des vom Zweck bestimmten Willens. Im Juden ist dies nicht die sogenannte Bewußtheit: Denn diese bedeutet nur schärferes Wissen um die Mittlerschaft des Menschen mitten zwischen leblosen und göttlichen Dingen, gleichend einem Auge im Innern. Doch der Willensmensch, der sich vom Zweck zusammensetzen läßt, ist ein - gottloses Mittelding. Für ihn gibt es keine Einheit, auch die menschlichste nicht, die Einfachheit. Er entzieht sich der Seite des Schicksals. Sein Gegenteil der Baum, der.den Sturm an Ort und Stelle erwarten muß, ist ganz körperliches Schicksal; und der Mensch wird so nicht erfüllt. Aber er darf auch nicht, entzogen den Griffen der Notwendigkeit, mit Willen sich unsichtbar machen — statt aus dem Geist sichtbar zu werden. In den Knieen der Epoche wartet, nach dem ersten irren Falle, vielleicht ein großer Sprung. Auch der Jude wird eine neue Gestalt gewinnen.^ Sein Auftreten im Aufruhr der Gegenwart, Leben, Tod und Dichtung, kündigt sie schon an. Sie wird nur noch entschiedener seine spirituelle Sendung zu erkennen geben. So aber wird sie nicht nur deshalb wirken, weil dies Wesen sich in ihr wie für die Ewigkeit verstärkt, sondern auch weil die Gestalt, die es trägt, an Eigenschaften, es zu tragen und es auszudrücken, wachsen wird. Viele wünschen sich neuen Boden. Herrlicher ist die Unabhängigkeit einer neuen jüdischen Gestalt. Der Boden kann verloren gehen, das Geschick kann sich wütend immer wiederholen, weil man es nicht erkennt, ewige Zerstreuung, — Jerusalem kann wieder zerstört werden: die schwebende Sendung nicht. Sie fühlt grenzenlos durch Länder hindurch die unverwehrte Welt, die Gott gehört und* ihre Bewohner von ihm erlangt.