Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Jüdisches Wesen und Dichtertum
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 438 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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438 Alfred Wolfenstein: Juden auch den ewigen Deutschen, als den vor der eignen Rastlosigkeit, vor der eignen Wandlung Fliehenden.) Ihre inneren oder äußeren Schicksale werfen sich zwischen Gipfel und Abgrund hin und her. Während der Jude seine Geschichte allzusehr „als seine eigene" durchleben mußte, unsichtbar, eingeschlossen, noch mehr ins Innere zurückgeworfen, zwischen messianischer Schwermut und letzter Zuversicht, die atemlosen Reihen aller Wünsche und Würfe ganz in den Geist verlegt —: Zog auch die Geschichte des Deutschen von Pol zu Pol, sichtbarer und tönender, und nicht weniger heillos—: Von erster wandernder und karlovingischer Weltbegierde empör zur wahren Himmelslust der Gotik, hinab ins Gemisch der Religionsmordsucht hinauf zu blumenhafter Romantik, und wieder begraben unter eiserner Politik. Maßloses Volk, das um seiner Besten willen groß ist: sein Reich ist von der Welt der Musik. Hier findet es sein Maß! Und wird der Deutsche nicht genau in dem Grade unfähiger und ohnmächtiger, je weiter er sich von der . Musik entfernt, bis zum entgegengesetzten Ende der Politik? Der Jude ist gleichfalls ein Mensch der Musik, der Zeitkunst: Ein Mensch des Werdens, des Ganges, der Zeit, — raumlos. * Im Jüdischen Theater sah ich es neu bestätigt: Wie mit unerhörter Spannkraft Seele auf Seele unmittelbar eingestellt war, Rhythmisch ineinander ging, und jedes Wort sich mit dem des anderen zur Fuge verschlang. In das Drama mischte sich das Melos auf die verschiedenste Art: Eine Gruppe oder eine einzelne Stimme sang aus der Nähe oder Ferne, der Wortwechsel folgte ihrem Takt, selbst' das Murmeln des Gebetes oder einer Nebenunterhaltung war als Begleitung der sprechenden Hauptpersonen vertont. Weniger ausgefüllt aber: alles Räumliche der Bühne. Die Gebärden und Bewegungen schnitten linear hindurch, das Spiel übersprang gewissermaßen die drite Dimension, von der zweiten zur vierten. Im Höchstdimensionalen waren sie daheim, doch eine sonderbare Ungeschicklichkeit kam manchmal zum Vorschein, wenn sie auf eine Sache zuschritten oder einen Gegenstand in die Hand nahmen. Auch der Deutsche ist unplastisch, und seine Sehnsucht nach Griechentum bestätigt es, und seine Abneigung gegen Judentum ist wieder Unzufriedenheit mit sich selbst. Freilich auch mit dem wirklichen Juden. Denn schwer wird die Wiederholung einer Eigenschaft beim Anderen ertragen —. Feindliche Brüder in der Ortlosigkeit ihres Suchens! der eine wird von der immer aufgesuchten inneren Mitte immer neu aufbrechen, der Deutsche von der äußeren Mitte seines Reiches hin und hergerissen doch einen inneren Weg immer weiter verfolgen. Und dort wo Brüder sich versöhnen, schauen sie sich und den Zusammenhang der Welt tiefer als zuvor. Dann wieder unterscheidet sie viel, — zwei für das Leben der Welt notwendige Substanzen. Aber diese Dichtung in einer geliebten Sprache ist wie eine Freundschaft.