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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 7 · p. 437

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 7
Article
Jüdisches Wesen und Dichtertum
Date
1921-01-01
Page
437 (sequence 10)
Language
German
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Jüdisches Wesen und Dichtertum 437 und so erkennt man mit seiner Kunst zugleich sehr.gut ihn selbst*) Unter den Künsten am besten in der Dichtung, Unter den Dichtungsarten in der lyrischen. Denn sie ist die durchsichtigste, das Schaffen der Nacktheit Und ihre von innen formende Weise entspricht seiner Anlage. Für deren Entfaltung ist sie ein Beispiel. II Es ist Frühling im Abendlande. Die Dichtung mit zwei Gesichtern singt Untergang und Aufgang — der Erde und der Sonne . Wie zum Sinnbild einer späten Vereinung begegnen sich im neuen Gedicht jüdisches Wesen und deutsche Sprache. Unter den westeuropäischen Sprachen scheint sich die deutsche anders als die übrigen zum jüdischen Wesen zu verhalten: In ihr bewahrt es sich selbst, es bleibt lebendig, in die romanischen Sprachen eher spurlos aufgelöst. Hier bewegt es sich suverän, ihr verbunden wie ein Schwimmer seinem Element So geschieht es nicht deshalb, weil die deutsche Sprache nachgiebiger und freier ist und über die feststehenden Dinge weicher hinwegströmt. Wir sehen, an allen Unterschieden vorbei, in eine seltsame Verwandtschaft Manchmal, wenn Gegensatz und Liebe zwischen ihnen hervortritt, erscheint der Jude wie ein Doppelgänger des Deutschen. Ausdruck der deutschen Unruhe, eines Wesens der Bewegung, ist diese Sprache. Ihre Ruhe ist nur vordergründig. Keiner, außer dem Juden, lebt so vielfältig verstreut in allen Völkern und Erdteilen wie der Deutsche. Er hat zwar eine Heimat, aber vom Uebermaß ah rings offenen Grenzen ist sein Reich, von drängenden Nachbarschaften wie aufgehoben. Das deutsche Schicksal, sagt Fichte, hat keine eigne Geschichte mehr. Sein geographisches Schicksal hält ihn in der Schwebe. Das ist Gefahr und Vorzug, viele Blicke der Geister sehen erwartungsvoll auf ihn, die Straßen Europas laufen seiner Mitte zu: Er fühlt bald überheblich bald demütig die Aufgabe, sie wie Ströme wieder auszusenden. Ungleichmässigkeit wohnt in seinem Lande und Geist. Der innere Wetteifer, die arbeitsame Seite der Unruhe,, scheidet sein Volk wie einen Wald in Stämme, — di* umso brausender nach Stürmen verlangen müssen, sich über Partei und Meinung hinweg ineinander zu neigen. „Was wir sind, ist nichts, was wir suchen ist alles." Die deutsche Ruhelosigkeit des Idealismus erscheint wie eine Schwester der jüdischen ruhelosen Sucht nach Unbedingtheit. Die Wege zur Idee liegen nicht weit von denen, die zur Einheit führen, beide über der Wirklichkeit Aber die Schritte unermüdlich —. (Es gibt, wie den ewigen *) Darauf kommt es mir hier besonders an. Sonst könnte mit Recht gefragt werden,. Warum ich diese Gedichte jüdischer Dichter von den anderen trenne. Da innerhalb unserer Generation doch Verwandtschaften von ganz anderer und allgemeinerer Art herrschen. Ich will hier aber vom dichterischen Ausdruck des jüdischen Wesens sprechen,

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