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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 7 · p. 436

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 7
Article
Jüdisches Wesen und Dichtertum
Date
1921-01-01
Page
436 (sequence 9)
Language
German
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IRI
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436 Alfred Wolfens tein: bewaffnende Wissen rechnete energisch alle Kräfte sich selbst zu. Solche Entwicklung zum enzyklopädischen Menschen raubte auch dem Künstler die frommeren Kräfte. Selbstgöttlichkeit, auf deren anderer Seite nichts steht, ist in Wahrheit auch auf dieser Seite — Leere. Das Gesetz der kommunizierenden Röhren gilt auch für den Glauben.- Mit dieser Epoche des Diesseits traf die Befreiung des Juden zusammen. Wie alle hat er dann scheinbar alles aufgegeben; und zu vieles gefördert. Er ging begeistert mit der Romantik, die jüdische Frau verband sich ihren Führern. Doch bezeichnend ist: in seinen Gedichten erscheint die Seite der romantischen Verzweiflung, die trübere Seite der Ironie deutlicher und wahrer als der Aufschwung und das sich selbst genügende Künstlertum des Romantikers. Dies spricht wieder für zweierlei: für seine Treue £um Menschlichen, sein dem Ethos ergebenes Kämpfertum; — und für seinen Mangel an nahem mythischem Gehalt Er mußte weiter als auf das Mittelalter .zurücksehen. Der Mythos ist es, der auf begründete und erhebende Weise mit den Menschen verbindet; da er mit dem Göttlichen verbunden ist. Er bedeutet daß unter den Menschen in sinnlicher Gestalt wandelnde Unsichtbare. Er führt die Kunst hinüber zum allgemeinen Stand der Seelen, und ist die Voraussetzung für ihre durchdringende (durchdrungene) Selbstverständlichkeit in der empfangenden Welt — und für ihre Heiterkeit. Die mythoslose Beziehung zum Menschen nimmt der Seele und der Kunst das leuchtende Blau des Himmels. Wo die Sinnlichkeit Gottes fehlt, kommt die Schwermut. Sie durchzieht noch immer die Dichtung des Juden. Die Hymne der Menschennähe und Menschenliebe enthält heimlich die Klage des Gottlosen. - Die Schwermut aber ist das tiefste Übel, nach dem unheimlichen,, von Martin Buber vermittelten chassidischen Wort: Was der böse Geist im Sinn hat, wenn er die Lüste im Menschen weckt, ist nicht, ihn in die Sünde sondern ihn durch die Sünde in die Schwermut fallen zu lassen. Mögen die entgotteten Jahrhunderte schwer über unserm Sein liegen, und sei die Kunst ein besonders gefährlicher, jedem Angriff und Abfall ausgesetzter Bezirk —: Die mächtigere Wahrheit ist, daß sich dennoch aus ihr die Flüge über jeden Mangel und Einwand hinweg erheben. Man kann freilich zur Kunst wie zur Liebe niemand zwingen; und das Kunstkastratentum der Zeitgenossen, auch der dazu gehörigen Kritiker, ist mit Recht ebenso bereit, auf die Kunst zu verzichten wie der Eunuch auf die Umarmung. Nur wer die Schwäche und Stärke der Kunst an sich (als menschlicher Aeußerung) mit der Liebe betrachtet, die ohne sie nicht leben kann: wird nun auch für die Problematik, von der ich bisher sprach, die richtige Anwendung finden. Der Jude fühltr wenn er zum Künstlertum berufen ist, darin zugleich etwas wie eine Heimat. Er zeigt sein Gesicht hier am unbefangensten,

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