Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Jüdisches Wesen und Dichtertum
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 435 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdisches Wesen und Dichtertum 435 Worte. Aber sie ist von anderer Art als die des Aktivisten. Sie wird sich nicht zur Tathalbheit abdrängen lassen, sondern als Leid und Ahnung wieder nur Gedicht werden. Dichtung ist Schöpfung des Menschen. Für den Menschen bestimmt Das ist ihr Zeichen. Sie entsteht auch aus Einsamkeit, doch nie aus Wüste. Weitabgewandtheit muß sich im künstlerischem Impuls in sein Gegenteil verwandeln. Und der Menschenhaß enthält — alle seine Schalen abgetan — zuletzt doch: ein Sprechen zu den Menschen. Notwendig und untrennbar wirkt am dunklen Ursprung des Gedichts die absichtslose Erleuchtung mit: daß andere auf der Erde sind, die es empfangen; in einem anderen, dennoch verwandten Sinne wie der Dichter es empfängt. An ihm wirkt seltsam verbanden der Mensch, nicht nur der Dichtende mit. Die Kunst ist wie eine Erklärung für die Vielfalt des Lebens, für die Zeugung, für die Liebe. Der von Liebe Unabhängige wird kein Dichter sein, ein unmittelbarer Diener Gottes — oder seines Ichs. Denn die Kunst ist verschieden von der Erde der Zwecke — aber auch vom unsichtbaren Himmel so verschieden, daß sie sogar das Aussehen einer Gegengöttlichkeit annehmen kann. Das Genie des Künstlers unterscheidet sich von der ganz diesseitigen Größe eines Staatsmanns ebenso sehr wie von der überirdischen Erscheinung des Religionsstifters. Zwischen beiden — das Zwischenreich der- Kunst wird von seltsamen Engeln durchflogen, Boten ihrer eignen Sendung, beflügelt von sich. Ob der Genius als Satan oder Michael abgründig oder sonnenhaft wirken wird, scheint nicht vom Gut oder Böse abzuhängen, sondern von seiner Kunst. Er kann mit höllischen Flammen erquicken. Auch von dieser Seite zeigt sich die Nähe des dichterischen zum Wesen des Juden. Auf das Menschliche bezogen — dadurch gespannt — überspannt von der weitesten Allgemeinheit seiner Zuneigungen bis zur übermäßigen Trauer wegen irgendeines Ausschlusses. Er erträgt schwerer die Feindschaft, auch seine eigene gegen die anderen. Darum war das Ghetto ein besonders teuflisches Geschick, doch auch kein Zufall inmitten verhaltener Völker. Und es mußte ihn diese Bezogenheit auf den Menschen dann zu dicht in den Bereich einer gegengöttlichen Zeit und Kunst bringen. Denn wenn Dichtung menschliche Schöpfung ist, liegt hierin ebenso die Möglichkeit, sich Gott nahe zu fühlen, wie die Versuchung: sich an seiner Stelle zu glauben. Indem der Dichter seine menschlich gestaltete Welt freudig, unabhängig, anklagend über die wirkliche emporhebt, erfährt er doch in dieser Vergleichbarkeit mit der göttlichen Kraft demütig auch sein Geschöpftum. So könnte es sein, — die Frömmigkeit alter und mittelalterlicher Dichter, die Bescheidenheit des erhabenen Dante gewinnt ihre gefugte Musik in solchen übereinander steigenden Offenbarungen des eignen und des himmlischen Innern. Doch im letzten Jahrhundert, tn der Zeit, die immer mehr bloße Zeit wurde, bis ihr nur noch übrig blieb, das zwanzigste als große Zeit einzuleiten: hier entfaltete sich nur die Einseitigkeit, das immer besser sich