Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Jüdisches Wesen und Dichtertum
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 434 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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434 Alfred Wolfenstein: Sein Auftreten schien, bis es abschloss, wirkungslos zu bleiben. Nicht nur deshalb, weil er sich schon bald dem Verlauf der Revolution entfremdet fühlte. Steigen hier nicht wieder die allgemeineren Beziehungen auf, mit geheimnisvollerem Anschein:, als sei der Jude noch kein Täter sondern müsse, sofern er als schöpferischer Mensch komme, Künstler sein — oder jener Künstler unter den Tätern: Märtyrer, das Leben formen oder es sterben? Der Tod des Märtyrers macht sein Leben erst ganz sichtbar. Sein Tod ist sein Dasein. Der Märtyrer ist der leidende Führer. Der Jude als tätiger Führer aber —mythisches Versagen: Moses erblickte das Land, doch er hat auf seinen menschlichen Willen einmal mehr als auf den göttlichen gehört -und muß auf dem Gipfel sterben. Marx sieht seinen Staat vor Augen, aber er hat in der sozialen Lehre das Göttliche vergessen, die Verwirklichung rückt in die ferne Zukunft, eines anderen Verwirklichung. Erst Josua leitet aus der Wüste, durch das Martyrium ins Paradies. Der Jude, der innig am Leben hängt, gewinnt sich im Opfertode das größte Volk der Erde, die Menschheit. Als Gustav Landauer in jenem seltsamen Frühling zu München (den noch immer niemand kennt, der ihm nicht beiwohnte) in seiner lebendigen Gestalt unter die Menge trat, blieb er ihr noch fern. Und dies war keineswegs nur die notwendige Ferne des Führers, der über die Seinen hinaus, doch aus ihnen hervor ragt; noch weniger der gewollte Abstand eines über sie Erhabenen: Sondern es war die tatsächliche Ferne des Volkes von ihm. Ein Kind stand da, geisterhaft umgeben von den Umriss3n eines Meisters — ein Seher der Utopie, doch nur ein Sehnsüchtiger nach Verwirklichung. Sein Versammlungsraum glich einem gespenstisch auf und absteigenden Meer, darin das Volk bald hilflos unter seinen hochschwebenden Geist hinabsank, bald überlegen an eigner Wirklichkeit die verlorene große Gestalt überwogte. Dann drängte der sichtbare und unsichtbare Lauf der Dinge diese wundervolle Erscheinung in den Untergang, als sei es der einzige ebenbürtige Aufgang. Das Schweigen des Todes vereinte in sich Wort und Tat Lautlos wurde er der verständliche selbstverständliche Führer, aus der Unschuld seines Todes. Es ist die spirituelle Sendung des Juden, deren Schritt über diesen letzten Rand führt. Die Mörder im Gefängnishof krönten seinen Sinn. Er starb als ein „Dichter im Lebendigen". * Vom geschriebenen Wort und Aufruf unbefriedigt zu sein, das Leben selbst gestalten zu wollen: ist etwas Ganzes: und ebenso die reine Beschränkung auf das gestaltete Wort. Der Dichter ist freilich ein glücklicherer Märtyrer, Auch er wird am Worte, an der Möglichkeit des Ausdrucks ver- . zweifeln können. Die neue Dichtung kennt diese Unzufriedenheit mit dem