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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 7 · p. 433

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 7
Article
Jüdisches Wesen und Dichtertum
Date
1921-01-01
Page
433 (sequence 6)
Language
German
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IRI
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Jüdisches Wesen und Dichtertum 433 so mit der andern Seite des Wortes, mit seinen Klang- und Kunsteigenschaften wirken. Wie kann auf diese Weise irgendeine der reinen Wirkungsmöglichkeiten der Sprache erfüllt werden? Wenn die Sprache nicht bloßer Sporn vor der Tat und Schlacht oder persönliches Bekenntnis ist: kann sie als sachliche, nur inhaltbetonende Vermittlerin unterrichtender Ergebnisse auftreten; oder als Ausdrucksmittel des Dichters. Im ersten Falle stellt sie sich als Nebensache hinter den regelrechten Zweck der Mitteilung zurück. Im zweiten Falle hebt sie sich als selbstbetonte, untrennbar mit dem Sinn verbundene Form hervor. Aber ein Aktivist, wie Kurt Hiller, gibt in seiner vollendeten Technik, die doch keine ergreifende Kunstform ist, durchdachte Ergebnisse, die doch nicht um ihrer selbst willen bestehen. Wen Dichtung erheben würde, den nagelt hier eine strenge Absichtlichkeit fest; und wer nach Inhalten der Politik fragt, wird sich wieder durch die Ueppigkeit des Formalen von seinen Erwartungen abgelenkt fühlen. Die charaktervolle Gestalt Hillers, des guten Kameraden von einst, der den einmar gedachten Weg abschreitet, hat das Temperament und die Offenheit des guten Kampfes gesteigert: Aber seine Person ergreift stärker als die Sache; auf die es ihm mehr ankommt. Der Aktivismus wird einer ganzen Politik* der das Wort vom Zwecke kommt, und einer ganzen Dichtung, deren Substanz es ist, wieder weichen müssen. Die Dichter in seinem Gefolge, die ihrem Werke ein „Ziel" setzen, und die Politiker, die ein dichterisches Paradies in tätige Worte bringen, werden sich wie die Schildbürger in ihren eigenen Beinen bald nicht mehr auskennen. Sie erscheinen sich selbst allerdings nicht bürgerlich; sondern halten die Lehre vom Ziel für eine sehr scharfe Lehre, etwa für eine nördlichere Art von Futurismus. Scharf (renegatenhaft) behandelten beide jedenfalls die Kunst. Wenn der Aktivismus ein Ziel hat, die Kunst ist schneller am eigenen. Jenes Ziel verharrt in der Zukunft, — die Kunst besteht in ihrer Gegenwart. Sie bedeutet bereits die Erfüllung, das Paradies (dem man nicht wortwörtlich zumarschieren kann). Wer es vor allem anderen nur auf den richtigen Weg dorthin abgesehen hat, wird freilich die Dichter und die Verfehler voii Zielen und die richtigen Wege der Irrtümer .sehr gering achten. Die Ziel- Scheiben stehen oft so sichtbar da, daß' nur die Banalität den Vogel abschießen kann. Es ist im übrigen bewerkenswert, daß dem Aktivismus auch zur Banalität die volle Entschiedenheit fehltr die hier wieder ins ganze Gegenteil umschlagen würde: in die Phantastik der Phantasielosigkeit: Das. ist der Dadaismus. Aber an ihm ist das jüdische Wesen nicht sehr beteiligt. * - Jenseits der Vermengung von Wort und Tat steht die Dichtung — und jenseits auch die Ueberwindung des Wortes. Wir haben das Beispiel Gustav Landauers erlebt, der am Ende über die Sprache seines Werkes hinaus ging, in die Wirklichkeit: der Tat, der Opfertat.

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