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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 7 · p. 432

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 7
Article
Jüdisches Wesen und Dichtertum
Date
1921-01-01
Page
432 (sequence 5)
Language
German
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IRI
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432 Alfred Wolfenstein: veraltete Vergangenheit weichen. Unter allen Ausschweifungen lag da die wahrhafte Kraft der Wiedergeburt. * Gleichzeitig ist eine andere Bewegung aufgetreten, die noch vor dem vollen Austrag Klarheit und Tätigkeit hinein zu bringen gedachte. Mitten in in der Auflösung sollte der große Widerspruch zwischen Geist und Wirklichkeit gelöst werden; durch Wirksamkeit Aber der Aktivismus ist nur eine Zwischenstufe in der Bewältigung dieses Problems, zwischen Dichtung und Tat. Er erscheint trotz des aufrichtigen Schwungs seiner Begründer als eine jüdische Halbheit. Als ein Erfolg jener Gefahren, von denen ich sprach. Er warnt zumal die Dichtung vor falschen Wegen, anf die wir schon manchen Fuß setzten. Den Aktivismus sehen wir unter a]len Übergängen noch einen besonderen zwischen Führertum und Künstlertum veranstalten. Da der Drang oder der Wille nicht genügen (oder zu weit gehen), um die Welt zu ändern, nähern sie ihre Wirkungsformen und Gebiete einander. In der Dichtung hat zwar der Wille sehr wenig zu suchen, so wenig wie die Dichtung im Willen. Aber das Wort ist gegen Energie hilflos wie ein Kind. Wenn die Umstände der Zeit und die eignen Möglichkeiten nicht gestatten, die Ftihrergestalt anzunehmen, nimmt das ungewisse Führertum die Gestalt des Künstlers an, und umgekehrt. Kunst aber ist nicht Führung sondern die höchste Art der Verführung. Überall, wo eine ungeformte Unbemittelbarkeit vorherrscht; wo das Verführerische, sonst die freiste, leichteste Regung, mit einem ernsthaften lebenssüchtigen Widerstand kämpft; wo das Gewissen zu wach scheint, um in Kunst aufzugehen, da es die Wirklichkeit Glicht vergißt, die es noch zu wenig besitzt —: da verbindet sich das sittliche Verlangen schwerer mit dem Zauberder Form. Da wirft die Sprache der Verführung beneidende Blicke nach der machtvolleren Rede des Führers. Aber ganz verschiedene Mittel sind in die Hände des Führers und des Künstlers gelegt. Notwendige Grenzen werden verwischt, wenn Aktivität überwiegend mit der Sprache betrieben wird. Der Aktivist, der ankündigt: ich will das Wort vielmehr aus jeder Ohnmacht oder nur innerlichen Macht herausholen, ihm Hand und Fuß und Waffen geben, ich will „nicht über Ereignisse Worte sondern durch Worte Ereignisse machen": erreicht dann weder das eine noch das andere. Er, der sich so klar erscheint, trägt von vornherein diesen Widerspruch mit sich herum: Er kann die Sprache nicht wesentlich lieben und ist doch wesentlich auf sie gestellt. Sein Element ist der unmittelbare Aufruf, die schriftliche und mündliche Handlung, die dichterische Form muß ihm als überflüssiger Umweg erscheinen: und er verbrennt doch die Brücke zum Dichtertum ungern. Er zwingt das Wort, auf die Zwecke des Lebens hinzuhören: und will doch nicht allein mit der Zweckbedeutung sondern eben-'

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