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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 7 · p. 431

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 7
Article
Jüdisches Wesen und Dichtertum
Date
1921-01-01
Page
431 (sequence 4)
Language
German
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Jüdisches Wesen und Dichtertnm 431 auf der Welt unter Menschen — oder auch allein zu fühlen, so lange nicht gekannt hatte: zeigt sich nun ein Überschwang, losgelöster als jeder andere. In die Marschlieder der Revolution fällt er ein, mit anderem Takt, wie von einem irdischen Jenseits her. Als sein Beitrag: Unbedingtheit, auch in den sozialen Forderungen, Unbedingtheit für alle Zukunft, hebt sich hier deutlich von aller national oder zeitlich begrenzten Schwärmerei für Brüderlichkeit ab. Ein Hochwasse'rstrom kommt ein Jahrhundert lang angeschossen mit schnellsten Gedanken von Freiheit ^an sich, von absoluter Gemeinschaft, von gesicherter Menschlichkeit. Er tritt mit seiner Flut neuer Lebensauffassung und Lebenslust über die Ufer, alles gleichmäßig zu bedecken. Der sich bisher hart von der organisch aufsteigenden Menschheit unterscheiden mußte, scheint fiun den Unterschied überhaupt aus der Welt zu schaffen, wie um alles miteinander zu vereinen. Ob sein Anteil an den utopistischen ^Bewegungen groß oder klein ist, die Sehnsucht nach dem Restlosen, sein altes Motiv, steckt immer ganz darin. Es mußte wohl Furcht erregen, als plötzlich eine solche Stimme hörbar wurde, in der eine Menschenart noch ohne letzte Entfaltung sich verriet, ohne Harmonisierung durch offene Arbeit und Ruhe, in langen Geschlechtern ohne Kindheit. Die Wirklichkeit sträubte sich gegen seinen Überschwang noch stärker als gegen jeden gewöhnlichen Neuerungstrieb. Und einen unwirklicheren Ausweg, einen Weg darüber hinweg durch religiöse Erhebung suchte auch er in dieser vor Tatenlust vergehenden Zeit kaum. Seine unverbrauchte Lebendigkeit fühlte sich von allen frischen Aussichten mitgelockt, und lief mit den beiden neuen Jahrhunderten von den jenseitigen Dingen fort. Aber inmitten der Befremdung und Abweisung, die ihm die Erde zeigt, und seiner eigenen Entfernung vom Himmel — sieht er sich seltsam nahe anderen Sternen gerückt: den Menschenwelten der Kunst. Sie hat zuerst neben der Fhilolophie, und mehr als Religion nnd Politik, den Juden wieder», zum wahrsten Ausdruck seines Wesens geführt Jene Frage nach dem Verhältnis seiner Kunst zu seinem Leben beantwortet sich nicht aus irgendeiner Kausalität. Wenn dies Künstlertum zu einem wesentlichen Teil der Not seiner Wirklichkeit entspränge — als eine bloße Tugend —: Die Kunst würde es nicht ertragen, eine Zuflucht zu sein. In sie wird der Mensch genau so notwendig geboren wie in die wirkliche Welt. Retterin aus dem Leiden kann sie nur werden, wenn es in ihre Gestalt übergeht. Der Dichter bewahrt sich vor dem Untergang, indem er die Leiden Werthers gestaltet. Gegensatz dazu ist die ruhelose Kühnheit, sogar die Form dem Leiden zu'öffnen. Darauf wartet das Chaos. Seine Wirbel ergriffen unsre Generation vor zehn Jahren, und viel vom jüdischen Wesen trieb darin mit. Verzweifelte Begeisterung! wie immer wenn eine wilde Wahrheit nicht mehr bloß die Seele beunruhigt, sondern rings Urwälder schafft, formumwälzende Anfänge. Vor der ehrlich anhebenden Chaotik sollten erstarrte Zeit und

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