Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Jüdisches Wesen und Dichtertum
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 430 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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430 Alfred Wolfenstein: oder Niederlage zurückblicken.) Alle großen Gruppen innerhalb der Menschheit haben Anspruch auf Unvergleichbarkeit, wie geniale Kunstwerke. O b es sich freilich um eine große Menschenart handelt, erkennen wir, wie bei einem Drama Shakespeares, so wenig an den geringeren wie selbst nicht an den hervorragendsten Figuren: Die Geschlossenheit, die innen durchgeführte Bezogenheit alles Einzelnen auf eine Bedeutung, das ist maßgebend. Ist der Jude aber ein Dichter, so sieht er sein Schicksal doppelt erfüllt. Das wird ihn begeisternd bestätigen — oder verwirren und aufheben. Denn aus jener Vergleichbarkeit des jüdischen mit dem dichterischen Schicksal ist nicht etwa zu folgern, als stelle der Jude geradezu den Dichter dar. Vielmehr, dies gefährdet ihn. Durch die Nähe seiner Wirklichkeit zu seinem Dichtertum kann beides unsicher werden, sich begrenzen, ineinander übergehh; dann greift das eine zu den Mitteln der anderen, notwendige Grenzen fallen, und nicht zugunsten der Unendlichkeit. Dies Problem der Übergänge zwischen seiner Lebendigkeit und seinem Schaffen wird hierin mancherlei Zusammenhang erscheinen. * In welcher Wirklichkeit steht der Jude? Aus der langen Abgeschlossenheit trat er hinaus auf eine Erde, die inzwischen ohne ihn umfahren und entdeckt ist. Die Erde Europa, auf tausend Erfindungen und den - einen ostwestlichen Glauben stolz, die Welt der Kirche und der Feuerwaffe. Er erwacht im überwältigenden Gebirge von Taten und Werken der anderen (das doch von vielen seiner eigenen Ströme durchflössen wird). Die Wirklichkeit war vor der Zerstörung des Ostens unerforscht doch ahnungsreich gewesen: Nun rollt sie mit abgerundeter Wissenschaft dem endlich vor die Tür Gelangten selbstsicher entgegen. Er hat seine Unfreiheit getragen, bis die Zeit sie nicht mehr ertrug. Jetzt muß er sich das Geschenk der ganzen Zivilisation machen lassen. Vor solchem Stand der Schöpfung, an der er nur mit seltsam verborgenen Werken mitgeschaffen hat, erfaßt ihn zugleich Befangenheit und Oberschwang. Diese geteilte Haltung konnte ein einziges Jahrhundert noch nicht umwandeln. Befangenheit: Denn die neue Gesellschaft der Menschen grüßte ihn fremd, und der Jude löst eine Verlegenheit der Seele nicht schnell durch zuhauende Tat auf. Ihm fehlt in der Regel das Abenteurertum, das die Schultern schüttelnd mit der vorliegenden Gegenwart anfängt: Sondern am liebsten immer bis an den Beginn der Welt möchte er zurückgreifen. Die leibhaftige Unbekümmertheit des Condottiere kann eine Niederlage sehr einfach durch einen Sieg auslöschen. Der Jude aber will auch sein altes Schicksal nicht lassen, es segnete ihn denn. Während Befangenheit in seiner nicht von ihm geschaffenen Lage ihn unfrei macht, reißt die entgegengesetzte Empfindung ihn hin: Ereiheitsglück. Nachdem die Menschheit als eine unnahbare Masse, ein Wall von Rücken vor ihm gelegen hatte; und nachdem er die Freiheit (von vornherein), sich