Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Jüdisches Wesen und Dichtertum
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 429 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdisches Wesen, und Dichtertum 429 Ich spreche hier vom spirituell schwebenden Wesen des Juden und seinem neuen Dichtertum, * I - Der Dichter ist der unter die Völker Verstreute; aus tieferem Grunde kommend und in höherem Sinne ortlos; der Verbannte. Er ist, heute zumal, der ungewiß Wohnende unter Fremden, — denen er sich doch glühend zugehörig fühlt. Sie übertragen sein Werk in ihr Leben, in ihren Glauben. Aber ihn selbst und seinesgleichen sehen sie mit anderen Augen an und täglich wird die Mauer seines Zion neu zerstört. Besitz von seinem Lande ergreift der Bürger, eine dem Dichter ferne Einrichtung: der fremde Staat Ihm selbst, von dessen Seele die Dichtung ausgeht, begegnen sie in Wirklichkeit mit Feindschaft und Furcht, wie einem Besessenen. Sie sträuben sich, die wohlvertrauten Schöpfungen, deren Wesen sie überall in ihre Kultur eingefügt finden, Personen von so dunkler Haltung wie den Dichtern zuzuschreiben. Sind sie tot und ruhig überbiickbar, so errichtet man ein heiliges Grab und pilgert, als liege ein Bürger darin. Auf des Dichters lebende Rasse überträgt sich die Verehrung nicht. Ihr Werk wird angenommen, ihr Dasein unterdrückt und abgewiesen; wie der Großinquisitor bei Dostojewski, der Verwalter des. Werkes Jesu, ihn selbst erschrocken und tyrannisch fortstößt Ähnlich ergeht es dem Juden. Doch der Dichter empfindet den Unterschied zwischen der Wirkung seines Werkes und seines Lebens trotz allem als ein wesenhaft mit der Kunst verbundenes Geschick. Wie aber soll der Jude, wenn er nicht Dichter ist, ganz allgemein ein so dichterisches Schicksal ertragen? Wie soll jeder einzelne dieser Spannung gewachsen sein? Denn es bedeutet eine Selbstlosigkeit von unmenschlicher Art, nur auf den abstrakten Wert der geduldeten Leistung gestellt zu sein, (Gleicht seine Lage nicht auch der des deutschen Arbeiters im wilhelminischen-Beamtenstaat?) Er schafft sich nicht, wie jeder Tätige sonst, mit dem Werk auch die lebendige Atmosphäre. Statt daß-sein Erfolg zugleich seine Ehrung, seine" Magie verkörperte Macht, seine Hilfe Liebe zu ihm, der Anklang seines Schaffens sein Vaterland wird: bleibt seine Person übersehen, als verhexe ihn Hoffmanns Klein Zaches. Er ist kein König, dessen Purpur mit dem Glanz seines Landes wächst Seine Wirksamkeit wird ihm fortgekauft wie dem Maler das Bild. Das nimmt ihm die unmittelbare Allgemeinheit der Wirkung. Ein Volkswesen kann sich entweder so ausdrücken, daß wenige Hohe es ganz erfüllen und die übrigen sich von ihnen führen lassen. Oder so, daß alle in ihrer Gesamtheit es darstellen und sich nur in der Ausführung vertreten lassen. Der Jude aber, jeder einzelne, will das Ganze für sich sein und ausführen, jeder ist auf das äußerste gespannt Man glaube nicht, daß ich hierin einen Vorzug sehe: Es ist eine Not und eine Sendung. (In Selbstüberhebung verfallen jetzt manche Juden; und unterscheiden sich nicht von anderen Chauvinisten, die auf eine Knechtschaft