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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 7 · p. 428

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 7
Article
Jüdisches Wesen und Dichtertum
Date
1921-01-01
Page
428 (sequence 1)
Language
German
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IRI
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428 Alfred Wolf enstein: ALFRED WOLFENSTEIN / JÜDISCHES WESEN UND DICHTERTUM (Aus einer größeren Arbeit) Die Zeit der Übergänge verstärkt ihr Gewimmel auf allen Brücken. Tausend Dinge, Erfindungen, Entdeckungen, Unternehmungen und neue Meinungen strudeln täglich auf und bleiben liegen, alle beachtet und unverarbeitet. Vergeblich ist das, sonderbare Bemühen, in diesen alle Ströme kreuzenden Mengen der Aufwühlung nach einer Einheit zu suchen. Die Reisenden nach Rußland mußten es auch in der Schwebe lassen» Inmitten des hin und her stoßenden Gedränges ist der Jude am glücklichsten und am unglücklichsten daran. Das alte Ufer gehörte ihm nicht, selbst die Brücke noch nicht: aber die Bewegung darüberhin ist seih Schicksal und das Kommende winkt ihm so gut wie den andern, er wird es sich erkämpfen. Aber die Bewegung darüber hin ist sein Schicksal — und so macht man den Übergang zu einer Schuld des Juden. Die Zukunft wird von dem allzu festen Halt am Vaterlande, das der Bürger nach der ersessenen Zeit, nicht nach den Maßen der Ewigkeit sich zurechnete, schnell forttreiben. Die Starre der Geschichte lockert sich, alles wird neu erkämpft werden müssen. Und mag es die Sendung des Juden bleiben, den Boden unter den Füßen nie so sicher .wie die Anderen zu besitzen: die Schicksale werden einander ähnlicher werden. Es ist wahr: In der Gegenwart trägt keiner die Zeichen des Übergangs so sichtbar wie der Jude. Krieg und Revolution, die geschwisterliche Katastrophe, hat all seine Problematik aufgewühlt. Vielleicht begann die Diaspora, wie nach der Zerstörung Jerusalems und dem Fall des Ghettos, von neuem jetzt. Sie ist freilich diesmal eine allgemeinmenschliche, eine verbundene Zerstreuung. Doch ich glaube, der Jude ist zu ihr (die nicht besser und nicht einmal leidvolier sein muß als die Verwurzelung) für immer berufen. Der Jude ist. männlich im Geist: Seine alte Religion hatte, zum Unterschied wohl von allen anderen, nie eine weibliche Gottheit. Weiblich ist .die Seßhaftigkeit: er ist männlich ruhelos, vom Geiste aus: der Nomade ganz im Gegenteil vom Körper aus. Vornehme Ruhelosigkeit könnte man, ohne Überhebung, sein eigentliches Wesen nennen. Daran ändern die Entarteten nichts. Auch die falschen Prediger des Aristokratismus werden es nicht widerlegen, wenn sie, gleich Blüher, in Sorge über die eigne Vornehmheit, den Juden minderrassig nennen; nach der Bibel auch die Gestalt Jesu selbst ins Neudeutsche übertragen; und ihn, damit er bestimmt kein Jude sei, zum Übermenschen machen. Der von diesen Zeitgenossen geborene Jesus: was kann er freilich anderes sein als der Sohn von Ariern? — Aber die Wahrheit war vor ihnen da. Das Schicksal der Unruhe wird auch unter den Juden meistens nicht erkannt oder nicht anerkannt. Vom schwächlichsten Assimilänten bis zum mutigsten Zionisten wünschen sie sich: Boden.

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