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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 7 · p. 426

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 7
Article
Der jüdische Wucher und der Judenhaß
Date
1921-01-01
Page
426 (sequence 11)
Language
German
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426 Matthias Mieses: mäßigen Zinsen machte, die die deutschen Juden nehmen, die Antwort bekam: „Wir sind gezwungen es so zu machen, indem die Christen oft falsche Zeugen wider uns anstellen und so auf einmal mehr von uns bekommen, als wir von ihnen in vielen Jahren zu gewinnen im stände sind." Schließlich war der Wucher nie eine solche Judenspezialität, um den speziellen Judenhaß uns erklären zu können. Wucher im Mittelalter trieben nicht nur Juden. Litten je christliche Wucherer ebenso unter einer permanenten Entrechtung, die sich, wenn diese Wucherer einem fremden Volksstamme angehörten, auch auf ganze Völker ausdehnte? Bis zum 11. Jahrhundert trieben in Deutschland die Mitglieder des Klerus Wucher; entstand daraus ein habitueller Haß gegen die Geistlichkeit überhaupt? Auch sonstige Südländer außer den Juden betrachteten einst in Frankreich und auch anderswo das Zinsgeschäft als ihr Metier und betrieben dies unvergleichlich rücksichtsloser und lukrativer als die Juden. Was die .italienischen Finanzleute an Gelderpressung im mittelalterlichen Europa im Wege6 des Wuchers leisteten, ist kaum zu beschreiben. Ein kleines Bild von den Geschäften der Lombarden findet sich im Decamerone des Boccaccio. Dort wird von drei Brüdern erzählt, die Florenz verließen und die nach England gingen. In London mieteten sie ein kleines Haus, machten viel Aufwand und liehen auf schweren Wucherzins; wobei ihnen das Glück so günstig war, daß sie in wenigen Jahren einen ungeheuren Reichtum sammelten", dann zogen sie nach Florenz zurück; „da sie noch immer in England Wucher trieben, so setzten sie dort ihren Neffen über ihre Geschäfte" (1. Tag 3. Erz.). Haben die Lombarden je das Schicksal der Juden mitgemacht? Im Gegenteil, die Lombarden nahmen gewöhnlich bei Vertreibung der Juden ihren Platz ein und setzten das Wucherhandwerk jener fort, ohne im geringsten behelligt zu werden. Der christliche Judenhistoriker G. B. Depping1) berichtet: „Die Lombarden ermangelten nicht die Vertreibung der Juden, ihrer Gewerbsgenossen, zu benützen, um sich an ihre Stelle zu setzen und nun allein ihre Geldgeschäfte zu treiben. Sie erhielten Privilegien in mehreren Städten Frankreichs. Ihre Vorgänger hatten den Wucher nicht höher getrieben." „Die Florentiner, Luccheser, Genueser, Piemonteser bildeten in Lyon Korporationen und mehr als die Juden haben sie ihren Aufenhalt daselbst durch grosse und prächtige Gebäude bezeichnet", und doch gab dies keinen Anlaß zu Verfolgungen. „Wahr ist es, daß die Christel weniger mit Haß erfüllt wurden, wenn die italienischen Kaufleute ihren. Reichtum zur Schau trugen, als den von jüdischen Spekulanten ententwickelten Luxus." Bernhard von Clairvaux an angeführter Stelle rät die den jüdischen Wucherer zu schützen, da die Christen es ärger trieben. R. Joseph Kimchi im XIV. Jahrhundert bemerkt: „wenn die Juden Wucher treiben, so machen dies auch zahlreiche Christen, und das den eigenen Glaubensbrüdern gegenüber, was bei den Juden untereinander nie der Fall ist". Die Lombaraen und andere Wucherer christlichen Bekenntnisses trieben den G. B. Depping: „Die Juden im Mittelalter". Stuttgart 183g. S. 251.

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