Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1921-01-01 · Heft 7 · p. 422

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 7
Article
Der jüdische Wucher und der Judenhaß
Date
1921-01-01
Page
422 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3101111-3101175-3101183-3107046--5264-3107092
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

422 MatthiasMleses: Im Süden Italiens, wo der ,Haß gegen die Juden am stärksten war und seinen Ausklang in ihrer restlosen Austreibung fand, betrieben die Juden nachweisbar bis zur letzten Stunde ihres dortigen Aufenthalts überhaupt keine Wuchergeschäfte. Sie befaßten sich hauptsächlich mit der Färberei. Die Judensteuer hieß dort Färbereisteuer. Der als Mischnakommentator namhafte jüdische Gelehrte Obadia Bartenora, der im Jahre 1488, kurz vor der Verjagung sämtlicher Juden aus Süditalien und Sizilien, diese Länder auf einer Fahrt nach Palästina berührte, verzeichnet in seinen interessanten Reiseerinnerungen aus diesen Ländern allenthalben die fast ausschließliche handwerkliche Beschäftigung der dortigen Juden. Wir erfahren hier, daß in Palermo damals die Juden größtenteils Eisen- und Kupferschmiede, daneben auch Träger waren, dabei in großer Verelendung lebten und zu öffentlichen niederen Arbeiten von den Behörden herangezogen zu werden pflegten. In Messina traf Bartenora fast lauter Handwerker und nur einige Kaufleute an1). Im byzantinischen Reich waren die Juden noch im 12. Jahrhundert, wie wir dies aus dem Itinerar Benjamins des Tudelaners erfahren, von jedem Geldgeschäft fern. Zu Theben in Griechenland befand sich damals eine große Judengemeinde, die aus 2000 Mitgliedern bestand, welche alle mit Seiden- und Purpurerzeugung sich befaßten; sie galten als die besten in ihrem Fach im ganzen Reiche. Zahlreiche Ackerbau treibende Juden traf Benjamin am Berge Parnaß an. In Konstantinopel bestanden damals nach seinem Bericht die Judengemeinden aus Seidenkünstlern und Kaufleuten. Seidenzucht, Schiffbau, Glasfabrikation bildeten damals auch die Beschäftigung der im Orient verbliebenen Juden zu Antiochien und Neutyrus. In der „Iggereth haarki", ein Jahrhundert später, heißt es, im byzantinischen Reiche seien nirgends Wucherer jüdischen Glaubens anzutreffen, mit Ausnahme eines einzigen Falls, wo ein Jude aus Deutschland damals auf der Insel Zypern Geldleihgeschäfte trieb. Die spanischen Juden, die seit dem 14. Jahrhundert unter katholischer Herrschaft ein schreckliches Märtyrium durchmachten und zum Schluß, insofern sie nicht den Glaubenswechsel vorzogen, Haus und Hof verlassen und in die Fremde ziehen mußten, waren nach der Aussage eines zeitgenössischen hohen Prälaten keine Wucherer, nur Handwerker2). Die spanischen Juden, auch nach ihrer Verjagung, hielten sich von Wuchergeschäften, die bei den mitteleuropäischen Juden Eingang fanden, fern. Menasse ben Israel spricht vom Wucher in seiner „Rettung Israels", als von etwas, das nur den Aschkenasim anhafte. Im Jahre 1762 erklärte der spaniolische Autor Pinto in seinen „Reflexions", die sphardischen Juden hätten nie Wucher betrieben oder sich an Christen sonstwie bereichert3). Die Spaniolen in Amsterdam, in Saloniki, im vorderasiatischen Orient, in Nordafrika sind noch heute in der Hauptsache Edelsteinschleifer, Träger, Gewerbetreibende. Im a) Obadia Bartenora: Darke Zion. a) Jacobus VItry: Hlstoria orientalis et occidentaiis. a) Graetz: Gesch. d. J. XI. 59,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.