Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 413 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus dem religiösen Leben der Ostjuden 413 Zur Kategorie des Pidjon gehört gewissermaßen das Geloben, oder, wie es im Osten heißt, das „Auf-sich-nehmen". Im Moment der Not, drohender Gefahr oder in sehnsüchtigem Hoffen auf Erfüllung eines heißen Wunsches gelobt man, „man nimmt auf sich", wenn das Unglück abgewehrt bezw. wenn das Erwartete in Erfüllung gehen sollte, irgend eine gute oder fromme Tat auszuführen. In Krankheitsfällen ist es deswegen Brauch, für den Fall der Gesundung zu geloben, etwas Gutes zu tun oder auch irgend ein bisher geübtes, augenscheinlich unfrommes und Gott nicht gefälliges Tun zu unterlassen* So ein „Auf-sich-nehmen* geschieht gewöhnlich durch den Kranken selber oder auch durch jemand aus seinem nächsten Familienkreis. Es soll damit gewissermaßen dem Himmel Gelegenheit gegeben werden, den Kranken oder sonstigen Gelobenden bezüglich seiner aufrichtigen Absicht zur Besserung seines Lebenswandels oder zur Ausführung einer besonders guten und frommen Tat auf die Probe zu stellen. Solche Gelübde sind gewöhnlich urindividuell und je nach den persönlichen Verhältnissen, Bildungsgrade und Anschauungen des Gelobenden beschaffen. Zumeist sind sie rein sozial wohltätiger Natur, wie z. B. einmalige oder periodische Spenden an gewisse Kategorien von Armen oder fromme Institutionen. Mitunter auch erstreckt sich ein solches Gelübde auf zeitweiliges oder dauerndes Spenden von Kerzen zur Beleuchtung eines Bethauses am Freitagabend zum Gottesdienst oder die ge— lobte Spende besteht gar aus einer neuen eigens geschriebenen Torahrolle mitsamt dem dazu gehörigen Silbergerät wie z. B. Krone, Lesezeiger sog. „Jad", oder Ziz (= silberner Brustschmuck) u. dgl. Manche geloben, das Bet ha Midrasch ein ganzes Jahr hindurch mit Kerzen und Heizmaterial zu versehen, damit die daselbst sich auf haltenden Lernbeflissenen bei Licht und Wärme dem Studium der Thora obliegen können. In Städten, wo die Umzäunung des Friedhofs ganz oder teilweise beschädigt ist und der dringenden Reparatur bedarf, was in den ostjüdischen Gemeinden leider nicht selten der Fall ist, da in vielen zumeist kleineren Städten die nichtjüdische Nachbarschaft sehr oft die Umsäumung der jüdischen Friedhöfe in unbewachten Stunden plündert und das Material für Heiz- oder andere Zwecke für sich verwendet*), wird von reichen Kranken oft deren Aufrichtung oder Ausbesserung gelobt; Manche Frau, die heimlich ihr Haar unter der Perücke getragen oder gar, der Strömung der Zeit folgend, ihre Perücke ganz abgelegt hat, mit eigenem unbedeckten Kopfhaar sich öffentlich gezeigt und, nach ihrer Mutter oder Schwiegermutter Meinung, dadurch vermutlich die Krankheit auf sich oder einen der Familienangehörigen herabbeschworen hat, gelobt nun, um das Unglück zu wenden .und sich bezw. den Kranken vom Tode auszulösen, ihr Kopfhaar, nach frommer jüdischer Töchter Sitte, scheren zu lassen und eine *) In Sassow (Galizien) hat der berühmte Zaddik R. Möschen Leib Sassower aus bisher unbekannten Gründen den Friedhof zu umzäunen verboten und dieser, auf dem auch R. Moscheh Leib ruht, ist bis heute ohne Umzäunung geblieben. In Safed (Palästina) fand ich gleichfalls den altehrwürdigen Friedhof ohne Umzäunung.