Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Briefe eines Chaluz aus Daganiah
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 407 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Briefe eines Chaluz aui Daganiah 407 zu wandern und zu singen. Sie ist hier als Arbeiterin und nimmt die Müdigkeit unentwegt mit frohem Herzen auf sich. Am ganzen Hof, soviel hier auch unter und nach der Arbeit gesungen wird, ist doch keiner, der soviel zwitschern würde wie sie. Dazu hat sie noch ein schlechtes Gehör und singt grundfalsch. Aber in ihrer Seele ist es sicherlich schön und das ist die Hauptsache. Mein Bett steht, wenn ich's noch nicht erzählt hab, draußen aüf der Terrasse oder Balkon dem See zu und es ist gewöhnlich so belagert, daß für mich schon kein Platz ist. Manchmal muß ich erst eine der Genossinnen aus dem Schlaf wecken, wenn ich mich niederlegen will. Kommunismus bis aufs Bett, etwas was ich früher nur witzweise als Übertreibung gesagt habe, in Daganiah stimmt es fast tatsächlich. Eine besondere Kommune innerhalb der allgemeinen ist die der Raucher. Das ist hier alles so natürlich und selbstverständlich, wie daß wir an einem Tische sitzen und gemeinsam essen, abwechselnd jeden Tag ein anderer den Kellner abgibt usw. — Wie lange wird die Herrlichkeit noch dauern? Ella freut sich schon so auf Daganiah, aber wir werden hier nur als Gäste weilen können. Wohin wird mich das Schicksal dann verschlagen? Ich sorge nicht, vertraue meinem guten Stern. In Momenten wiege ich mich sogar in der Hoffnung, daß sie mich doch hier behalten werden, solange es mir gefällt. 22. X. Heute kam Gordon von der Nationalversammlung aus Jerusalem über Jaffa zurück und brachte mir Euern Brief. Ich war mitten in der Arbeit, als ihn mir ein Kamerad extra auf meine Arbeitsstätte brachte, ich konnte mich nicht enthalten, eine kleine Pause einzuschalten um ihn schnell durchzufliegen, dann aber steckte ich ihn in die Hosentasche und arbeitete weiter an den Gruben, in die dann die Baumstämme eingelassen werden für einen neuen Hühnerhof (übrigens eine Arbeit, die ich bei allem Schweiß, der in die Gruben rinnt, mit einer seltsamen außerordentlichen Liebe verrichte; ich bemühe mich, alles so gut und fest wie nur möglich zu machen, und denke immer wieder im geheimen, daß das ein bleibendes Andenken an mich sein soll, wenn ich nicht mehr in Daganiah sein werde). Als ich dann endlich mittags nach dem Bad im Jordan mit erfrischten Gliedern ans Lesen schritt, siehe da war er ganz schweißdurchdränkt. Ist Euch das eine häßliche Vorstellung? Ästhetisch ist der Gedanke daran ja sicher nicht, aber mir hat es die Freude zumindest nicht gestört, die mir in hellen Fluten aus Euer aller Worten zuströmte, tausend Dank jedem einzelnen. Da hab ich meinen Brief unterbrechen müssen. Rahel, eine Freundin Gordons, kam mit diesem vom Balkon (von meinem Bett natürlich) und ich mußte ihr vorlesen. Zum Dank dafür bat sie mich, einen Gruß an Euch schreiben zu dürfen. Dann kam noch Chadja, die Frau eines der Gründer von Daganiah, die Euch Grüße von den Feldern Daganiahs sendet. Die beiden sind die einzigen, die gegenwärtig mit dem Spaten arbeiten u. zw. im Gemüsegarten. Rahel, gelernte Blumenzüchterin, läßt sich außerdem die