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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 7 · p. 405

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 7
Article
Briefe eines Chaluz aus Daganiah
Date
1921-01-01
Page
405 (sequence 9)
Language
German
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Briefe eines Chäluz aus Daganlah 495 das Gefühl noch anderer Gründe und Zusammenhänge. Gestern war ich ihm auch dankbar für seine Klarheit, daß man ihm trotz des Strömens aut den Grund schauen kann. Da ist mir ein Ring vom Finger geglitten, und denkt Euch: ein Kamerad hat ihn gefunden. — Und vom See und von den Bergen wollt Ihr auch hören? Wie oft hab ich schon versucht, in Worten festzuhalten das Bild, in dem immer wieder meine Augen versinken, ihn zu zeichnen, wenn er ganz still in seinem tiefen Blau daliegt und sich von den Bergen kosen läßt, die, mögen sie noch so steil und schroff aufragen, dort, wo ihre Hänge dem Blau nahen, sanft werden, wie hingestreckte, hingegebene Hände; und ihn zu zeichnen, wenn weiße Segelboote über ihn gleiten, wie er am Morgen ist und wenn die Sonne im Zenith steht und wenn sie im Untergehen die Berge in hundert blumenduftende Farben kleidet. Ich" muß mit Bleistift weiterschreiben, da ich die einzige Feder Irma S. (die vorgestern in Daganiah ankam) abgetreten habe.' Wie oft hab ich schon an E. denken müssen * und die Geschichte: Die Segelboote heimkehren sehen, und an ihren Traum, den die Geschichte in ihr genährt hat. Ich kann es kaum-glauben, wenn die Kameraden sagen, daß es hier bald noch schöner wird, wenn der Regen kommt, wenn alle Berghänge im frischen Grün aufblühen und tausende Biumen überall aufsprießen werden. Ich kann es mir kaum reizvoller vorstellen als jetzt, wo nur Licht und Linien Schönheit verbreiten. Könnt ihr mir's glauben, daß mir noch keinen Augenblick bang nach den heimischen Wäldern und Wiesen war, ja daß ich sie fast ganz vergessen habe? Freilich ist ein Grund der, daß es mir hier an Bäumen nicht fehlt, daß ich unter Zypressen und Palmen, unter Eukalyptus und Mandelbäumen, entlang Oliven und Orangenbüschen wandeln kann. — In den Sandhügeln von Jaffa-Telawiw wäre es vielleicht anders geworden, obzwar es auch dqrt~ schön war. Aber es war ja doch nur Stadtkälte. Ich weiß nicht, was sich in Telawiw seiit Deinem Dortsein geändert hat. Wahrscheinlich gab es damals nicht so viele Häuser, da ja vor meinen Augen Haus um Haus gegen das Meer und gegen Sarona zu im Entstehen oder Fertigwerden begriffen war, gab es noch kein Postgebäude, in dessen Garten abends feines Eis und Kefir und Limonaden verabreicht werden, gab es noch nicht den sogenannten Boulevard und gab es wohl keine Autoverbindung zwischen Telawiw und Jaffa usw. — Ich erwähne es, weil es Dich interessieren wird, aber offen gestanden, so gerne ich auch von verschiedenen Wohltaten Gebrauch gemacht habe, die ein Abglanz Europas sind, Eindruck hat es mir keinen hinterlassen und ich fühle mich hier bei meinem warmen Wasser wohler, als beim Eiskaffee in Telawiw. Dort hat mich auch die Politik, das Erzählen von den verschiedensten Verwaltungsmißständen zu sehr verwirrt. Nur das Eine, erinnere ich mich, hat mich stark bewegt: daß ich dort wirklich überzeugt wurde, daß das Hebräische unter der Judenschaft von Palästina eine herrschende Sprache ist, daß man ohne sie jetzt ein losgelöstes Blatt vom Stamme und auf die Dauer ohne

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