Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Briefe eines Chaluz aus Daganiah
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 402 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101175-3101183-3107044--5240-3107072- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
402 Briefe eines Chaluz aus Daganiah gebracht, daß er es immer schwerer als die andern hatte, wenn ihm nur die Hoffnung geblieben ist, durchzudringen. Ich habe kürzlich in einem Brief nach P. versucht, ein Bild zu entwerfen über dies Leben in seinen verschiedenen Entwicklungsstadien. Ich glaube z. B. auch, daß der Gesang der Lerchen, der mich gestern den ganzen Tag während der Arbeit beglückt hat, eine Folge der hier geleisteten Arbeit ist, denn in den Sanddünen bei Jaffa oder in den Bergen Dalmatiens bin ich keinem Singvogel begegnet. Ella schrieb mir vom Herbst, der bei Euch bereits Ende August eingebrochen ist. Ich kann mir ihn gar nicht vorstellen, inmitten unseres sommerlichen Grün, das noch so gar keine Anstalten macht, zu welken und zu vergehen, unter diesem blauen Himmel, der für Wolken keine Heimstätte zu sein scheint, auch wenn hier und dort welche lagern oder vorüberziehen. Wie kommt das nur? frage ich oft, woher diese Widerstandsfähigkeit gegen ihre Bedrohung? ... * Daganiah, Oktober 1920, So bin ich doch nach Daganiah gekommen, wie es immer mein Wunsch war. Seit Samstag vor Roschhaschanah bin ich da, ich muß es so sagen, da die europäische Zeitrechnung mir nicht zur Verfügung steht. Gegen Mittag, gerade in der größten Glut, fuhr mein Wagen in den Hof ein, auf dem außer mir noch Lina E., dann die Familie aus Daganiah saß, die mich so warm eingeladen hatte, und Kameraden und Kameradinnen, die uns von der Bahn abholten. Nachmittags war bereits eine Sitzung der Kwuzah, in der meine Aufnahme auf der Tagesordnung stand. Wie ich nachher hörte, war um mich ein scharfer Streit deswegen, weil ich nicht rücksichtslos auf dem Prinzip der Kwuzah stehe, wie sie hier organisiert ist, sondern geneigt bin, event. auch einem Moschaw owdim beizutreten, wie sie Elieser Joffe und seine Genossen planen. Wie der Streit ausgefallen ist, konnte ich nur daraus erraten, daß mich der Leiter abends fragte, ob ich morgen Sonntag arbeiten wolle. Freudig stimmte ich ein und war morgens schon lange vor Sonnenaufgang auf den Beinen, um zur Arbeit bereit zu sein. Bevor ich Dir von dem Inhalt meiner Tage seit meinem Eintreffen erzähle, möchte ich Dir ein Bild von Daganiah geben, soweit ich es vermag. Denn es ist zu schön, als daß ich es anschaulich machen könnte. Der Hof liegt hart am Ufer des Kinerethsees und des Jordan, der hier den See verläßt, um nach Süden in vielen Windungen weiter zu fließen. Bei Tag liegt der See in tiefstem Blau da, ein Bild himmlischer Ruhe, die durch die weißen Segelboote nur mehr ins Bewußtsein tritt, wenn sie zeitweise von Tiberias herkommen oder hinfahren. Auf der einen Seite nach Osten steigt ganz sanft eine Bergkette hinan oder fällt zu ihm herab, als könnte sie es nicht sanft genug tun. So scheint es wenigstens bei Tag in der Sonnenglut.