Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Briefe eines Chaluz aus Daganiah
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 399 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Briefe eines Chaluz aus Daganiah 399 etwa eine Viertelstunde eine staubige Straße, bis man ein Gebäude inmitten von Zypressen und Oelbäumen wie ein Herrenhaus liegen sieht Das ist das Wohnhaus der dortigen Genossen. Gegen den See zu in Terrassen abfallend, Anlagen von Pflanzungen, durchzogen von Röhren, in denen aus dem See wie bei uns aus dem Jordan Wasser heraufgepumpt wird. Auch sonst ist das Bild ein ähnliches wie in Daganiah, nur daß hier der Blick auch vom Hofraum aus weitere Umschau halten kann. Im Mondschein führte uns dann der Weg durch die schimmernden Wellen des Flusses. Ach, was für ein herrliches Ding ist es nun, dies Wasser. Vor einer halben Stunde hab ich wieder mein Mittagsbad genommen und noch jetzt spüre ich seine Frische an Leib und Seele. Hier versteht man erst, welchen Sinn es hatte, was ich vor einigen Tagen in der Bibel las, wie Isaak einen Brunnen nach dem andern, den Abraham gegraben hatte und der in die Hände anderer geraten war, wieder in Besitz nahm. Ein Brunnen war gleichsam die Seele eines Wohnsitzes, die Quelle seines Lebens. Heute waren wir ohne Wasser aufs Feld gefahren, es blieb nichts anderes übrig, als daß ein Wagen zurückfuhr, zwei Krüge voll zu bringen. Unsre jetzige Arbeit ist Dünger fahren. Wer es nicht weiß, würde es für Asche oder Kohlsnstaub halten, so weit ist der Verbrennungsprozeß gediehen, manchmal kommt man beim Einschaufeln in die. Körbe auf noch geradezu glühende Stellen. Ihr könnt Euch denken, daß das keine angenehme Arbeit ist, wenn einem dies heiße Pulver in Augen, Nase und Ohren, unter die Kleidung dringt, und vor allem die Kehle austrocknet. Heute war es leichter, weil Windstille herrschte. So kann man zu Zeiten etwas hassen, was einem zu anderer, ja schon bei der nächsten Atempause unendliches Glück ist. Und es ist wirklich ein wunderbarer Ausgleich zur hiesigen Hitze, daß fast immer ein leises Lüftchen den Atem erfrischt. Nur in der Mittagszeit, zwischen 12 und 3 Uhr, in der wir auch rasten, brütet alles in unbeweglicher Stille, außer den Fliegen, die einen weder ruhig schlafen noch lesen noch schreiben lassen, wenn man sich an sie noch nicht akklimatisiert hat, wie die alten Chawerim oder die Kinder hier, die ihre Zudringlichkeit gar nicht mehr spüren. Ich schreibe Euch aus meinem täglichen Leben und Ihr wollt vielleicht vom Großen, Ganzen hören. Aber dazu fühle ich mich noch immer nicht reif. Jetzt aber muß ich den Brief schnell schließen, es fährt jemand fort, damit er ihn zur Post nehmen kann. * Daganiah, 27. September bis 4. Oktober 1920 (Sukkoth). . . . Nach ca. sechswöchentlicher Fahrt bin ich vor vier Wochen in Jaffa ans Land gestiegen, habe mich dort vierzehn Tage herumgetrieben, auf landwirtschaftliche Arbeit wartend, und bin dann tatsächlich als einer von wenigen in verhältnismäßig kurzer Zeit zu meinem Ziel gelangt: nach Daganiah. Ihr wißt ja, wie ich immer diese Gegend vor Augen hatte, wenn ich an meinen künftigen Wirkungsplatz gedacht habe, und es scheint sich