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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 7 · p. 398

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 7
Article
Briefe eines Chaluz aus Daganiah
Date
1921-01-01
Page
398 (sequence 2)
Language
German
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IRI
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39* Briefe eines Chahiz aus Daganiah haften bleibt. So wie hier, glaube ich, kann man sich überhaupt von Erez Israel kein einheitliches Bild machen, weder hinsichtlich der Landschaft noch des Klimas noch der Vegetation und was immer. Und doch ist die Landschaft vorläufig mein einziger Vertrauter. Der Weg zu den Menschen ist mir noch versperrt, da ich ihre Sprache nicht beherrsche. Wohl verstehen sie Deutsch, aber in mir ist eine unausrottbare Scheu, mit ihnen deutsch zu sprechen. So sind sie mir ein Stück Natur, das ich betrachte, zu dem ich hinhorche, nur daß ich hier ein anderes noch fühle, das nicht so friedlich schauen läßt, wie dort: die Scham vor ihnen, die Scheu, das geheime Fragen nach ihrem Urteil über mich als Arbeitenden. Noch konnte ich nichts erfahren, nichts was mir mehr Mut gäbe, unerbittliches Richtertum bleibt ihre einzige Leistung. Ich wußte es ja, daß meine Arbeit ein Ringen sein wird, ein Kampf mit vielem, aber ich dachte, daß ich eben aus diesem Wissen heraus geduldiger mit mir sein würde,, mehr nachsichtig. Aber jeder Tag ist eine neue Frage: wie wirst du ihn, wie wirst du vor ihm bestehen? Dabei sind meine Körperkräfte stärker, größer als ich vermutet habe, nur an Elastizität fehlt es. Doch das.Wohlgefühl, wenn man es annähernd den andern gleich gemacht hat, wenn sechs Arbeitsstunden vorbei sind, und man in der blauen Seeluft oder im Jordan mittags Schweiß und Schmutz ins Weite schickt, die Glieder für die Nachmittagsarbeit erfrischend, und^abends unter der Dusche, ich weiß nicht, was einem das noch schenken kann, außer — erfüllte Liebespflicht. Wieviel Liter Wasser, sei es rein oder als Tee oder Kaffee, ich dabei täglich vertrinke, weiß ich nicht. Dabei bin ich schon nach der größten Hitze gekommen, die in der Zeit meiner Herfahrt hier in Daganiah bis zu 65 Grad gestiegen war. Was im Lande sonst und in der Welt vorgeht, davon weiß ich schon nichts, seit ich Jaffa verlassen habe, trotzdem hier sehr viel Zeitung (aber hebräisch) gelesen wird. Manchmal muß ich mich mit Mühe entsinnen, welche Jahreszeit es denn bei Euch ist und wie es da aussieht. Vielleicht ist daran schuld, daß ich noch immer gar nichts, kein Lebenszeichen von irgend wem bekommen habe. Da wird die Weite zwischen uns noch weiter, die Augen fühlen es manchmal sinnlich, welchen Weg sie bis zu Euch wandern müssen. Nur heute ist mir alles näher, vertrauter, ist mir als könnte ich die Wege jedes Einzelnen zu jeder Stunde verfolgen, da es Jörn Kippur ist. Und ich fühle auch, wie man an mich verstärkt denkt, denn es ist ein Tag vieler Erinnerungen von Jugend an. Sonst hab ich ja nicht viel Zeit zu Erinnerungen, ist die Seele ganz von Gegenwart in Anspruch genommen, als Grundpfeiler für die neue Zukunft. Wie lange meines Bleibens in Daganiah ist, weiß ich nicht, da sie ständige Mitglieder haben wollen und ich für die „Awodah" verpflichtet bin, was sie wohl wissen. Da hab ich gestern unterbrochen, ich machte mit einem Chawer einen Ausflug zur Genossenschaft nach Kinereth, ebenfalls am See gelegen. Man watet durch den Jordan, geht dann zwischen den frisch geackerten Feldern

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