Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1916-09-01 · Heft 6 (September 1916) · p. 422

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 6 (September 1916)
Article
Das Wesen der mosaischen Sittengesetze
Date
1916-09-01
Page
422 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3101111-3101112-8875879-3106943--0600-3107032
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

422 Arno Nadel: ist* Das Tatsächliche ist in ihr beschlossen, die Wesenheiten* die alle Zeit eine Gemeinschaft binden und erhalten werden, sind in ihr aufgebaut. Und fragte heute ein Kind des alten Bundes seinen Vater: „was sind das für Zeugnisse, Gebote und Rechte, die der Herr unser Gott euch geboten hat?" Er könnte die kurze Auskunft geben: „Wir waren Knechte des Pharao in Ägypten, und der Herr führte uns aus Ägypten mit mächtiger Hand. Und der Herr tat große und böse Zeichen und Wunder über Ägypten und Pharao, und alle seinem Hause vor unseren Augen. Und führete uns von dannen, auf daß er uns einführete, und gäbe uns das Land, das er unsern Vätern geschworen hatte. Und hat uns geboten, der Herr, zu tun nach allen diesen Rechten, daß wir den Herrn, unsern Gott, fürchten, auf daß uns wohl gehe, alle unsere Lebtage, wie es gehet heutigen Tages. Und es wird unsere Gerechtigkeit sein vor dem Herrn, unserm Gott, so wir halten und tun alle diese Gebote, wie er uns geboten hat." (V. M. 6, 20—25.) Jedes Wort —> eine eigene Herrlichkeit. „Und er hat uns geboten, nach allen diesen Satzungen zu handeln, zu fürchten den Ewigen, unsern Gott." Nach seinen Satzungen sollen wir handeln und ihn fürchten sollen wir, —■ weil wir ohne ihn und ohne sein Wissen nichts sind, nur dem Tiere gleich, das in sich selbst ein ebenso Ganzes wie Beschränktes darstellt. (Der Mensch hingegen ist das einzige von uns gekannte Lebendige, das nach einer Ergänzung sich sehnt, weil es um sie weiß. Und so öffnet sich seine Beschränkung und seine Seele wird frei, ins Unendliche sich erstreckend. Die Ergänzung des Tieres ist ein anderes Tier oder der Mensch, die Ergänzung des Menschen aber ist die unsichtbare wesenhafte Gottheit, das Antlitz ohne Antlitz.) Ihn fürchten sollen wir, nicht, daß er in seiner Macht und Nacht sich zeigen könne, sondern nur „uns zum Guten alle Tage". Fürchten heißt hier das Rechte und Gerade üben, fürchten heißt hier die Niedrigkeit fürchten, daß sie uns nicht schädige. Denn Gott selbst ist die Güte. Und handeln wir so, dann ist die Vollkommenheit und Geschlossenheit der Welt hergestellt. Dies aber ist mit unserm Wohlergehen identisch. „Uz'dokoh tih'je lonu", nur unsere Gerechtigkeit ist es, wenn wir Gott gehorchen, und dann geht es uns wohl, wie heutigen und wie ewigen Tages. %Was Wunder ist es dann, wenn auf Schritt und Tritt das Gesetz eingeschärft wird. Unaufhörlich vernehmen wir: „So behalte nun die Gebote, die Gesetze und die Rechte, die ich dir heute gebiete, daß du darnach tust." Das geht so in den mannigfachsten Variationen, so sind Anfänge, so Cäsuren und so unzählige Schlüsse. Immer steht Gott hinter dem Leben, daß man nicht denke, das Vermögen des Menschen hätte diese Ordnung ersonnen. (V. M. 8, 17/18.) In V. M. 10, 12—22 ist eine klare Zusammenfassung des göttlichen Wesens und des Gesetzes gegeben. In der wiederholten Aufforderung, den Fremdling zu lieben —■ von Gott selbst wird ausgesagt, daß er ein „auhew ger" sei, daß er den Fremdling liebt — ist die äußerste Normalität erlangt; denn in diesem Gesetzeskreis ist diese Forderung weit schwerwiegender und tatsächlicher als die ähnlichen Gebote in der persönlichen, vibrierenden Sphäre des Neuen Testamentes. Und im 11. Kap. 13—21 ist das dauernde einfache Leben itn Gesetz geschildert. „Wenn ihr Tag und Nacht der Lehre gedenket, werdet ihr lange leben und einen fetten Boden besitzen." Kein Jenseits wird versprochen, kein übertriebener Zustand im Diesseits geschildert. Auf eindringliche Art wird die Wohltätigkeit gepredigt. Wenn du dem Armen hilfst, sollst du es dir nicht verdrießen lassen, „denn um solches Willen wird dich der Herr segnen," da „alle Zeit Arme im Lande sein werden." (V. M. 15, zo/11.) Der ganze Geist ist der der Selbstlosig-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.