Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 6 (September 1916)
- Article
- Das Wesen der mosaischen Sittengesetze
- Date
- 1916-09-01
- Page
- 421 (sequence 3)
- Language
- German
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Das Wesen des Mosaischen Sittengesetzes 421 nungen auffällig, so z.B. die Bestimmung, am Hüttenfeste „Früchte zu nehmen von schönen Bäumen, Palmzweige und Maien von dichten Bäumen und Bächweiden und sieben Tage fröhlich zu sein vor dem Herrn" (HL M, 23, 40). Desgleichen die Innigkeit in der Erinnerungsweihe dieses selben Festes, an dem man sieben Tage in Laubhütten wohnen soll, „damit eure Nachkommen wissen, wie ich die Kinder Israel habe in Hütten wohnen lassen, da ich sie aus Ägypten führte." Nur dem in seinen Grenzen ebenso vollkommenen Griechentum ist dieses Wunder an Gerechtigkeit und an Schönheit der Gerechtigkeit zu vergleichen. In III. M. 25, 29/31, ist nie dagewesener Zartsinn in der Rechthabung zu konstatieren. Wie kennt Moses die Liebe, die an toten Dingen haftet, wie ist ihm das Tote nicht tot! „Wer ein Wohnhaus verkauft in einer Stadt mit Mauern, der hat ein ganzes Jahr Frist, dasselbe wieder zu lösen; das soll die Zeit sein, darinnen ers lösen mag. Wo ers aber nicht löset, ehe denn das ganze Jahr um ist: so solls der Käufer ewiglich behalten, und seine Nachkommen, und soll nicht los ausgehen im Halljahr. Ists aber ein Haus auf dem Dorfe, da keine Mauer um ist, das soll man dem Felde des Landes gleich rechnen, und soll los werden, und im Halljahr ledig ausgehen." Aus der Erzählung IV. M. 15, 32—36, in welcher geschildert wird, wie ein Mann, der am Sabbath Holz auflas, gesteinigt wird, geht hervor, daß größere Strenge in göttlichen als in menschlichen Dingen anbefohlen war. Überhaupt ist manches Geschehen noch mehr als eine Verordnung geeignet, die Erhabenheit und Einfachheit im Leben des Gottesvolkes zu charakterisieren. Ich weise nur. auf die Art hin, wie Moses die Einsetzung seines Nachfolgers geboten wird. (IV. M. 27, 18—23.) Was das im Grunde für neue, ewige Tatsachen sind! Man liest gewöhnlich über sie hin, — wenn wir aber bedenken, wie schön in ihrer Unabänderlichkeit und Reinheit all diese kleinen Geschehnisse ausgedrückt sind, die da vielleicht zum erstenmal mit Namen belegt werden, dann erst erkennen wir, wie viel in diesen Worten enthalten ist, das uns nur darum nicht besonders auffällt, weil es eben da ist und weil wir hierin keine Fortschritte gemacht haben noch welche machen können. „Nimm Josua, einen Mann, in dem der Geist ist, und lege deine Hände auf ihn" usw., das ist alles so eine Art von Rede, die uns nach reifer Besinnung erst in ihrem vollen Werte aufgeht. Scheinbar ist es nichts Merkwürdiges, in Wahrheit aber ist es symbolisch für das ganze Wesen dieser Bücher. In demselben Buche, 30, 4—6 ist noch die Verordnung über das Gelübde eines Weibes bemerkenswert. Auch hier unnachahmliche Normalität in Sinn und Ausdruck. „Und er schweiget dazu", — wie rein ist das gesagt. Immer wieder betonen wir, wie durch solche Wendungen die unendlich fortgeschrittene Seele jener Bestimmungen gekennzeichnet wird. So. daß es keine unlohnende Arbeit abgeben würde, wenn man das Psychologische der Bibel aus ihrem Stil zu erschließen sich bemühen würde. In V. M, 4, 22 ist das selbstlose Beispiel des Lehrers hervorzuheben: „ich muß in diesem Lande sterben, und werde nicht über den Jordan gehen, ihr aber werdet hinübergehen." Mag ihm seine Einsicht gezeigt haben, wie unmöglich es ihm, dem alten Mann würde, all die kommenden Kämpfe durchzumachen, — er verwandelte diese seine Einsicht in Weisheit, um seines Volkes willen. Der Normalität des Gesetzes entspricht, — anders als im Avesta, im Evangelium und im Koran — der Lohn. Was wird dem, der Gott fürchtet und alle seine Gebote und Rechte beobachtet? Er wird lange leben, es wird ihm gut gehen, sein Same wird sich vermehren, sein Land wird von Milch und Honig flißen. (V, M. 6, z/3-) Nur so eine Lehre konnte lebensfähig, konnte ewig sein, wie sie es tatsächlich