Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 6 (September 1916)
- Article
- Das Wesen der mosaischen Sittengesetze
- Date
- 1916-09-01
- Page
- 423 (sequence 5)
- Language
- German
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Das Wesen des Mosaischen Sittengesetzes 423 keit, als wenn nur auf diese Weise die Welt erhalten werden könnte. Wohltun, Gerechtigkeit, Arbeit und damit verbundenes langes friedvolles Leben, — das ist alles nur in Sinn und Ordnung. Und wie vornehm ist dieses Gesetz! Überall ist die Freudigkeit des Gebens gefordert. So wird z. B. ausdrücklich angesagt, daß man dem freigelassenen Sklaven von den Schafen, von der Tenne und von der Kelter auflegen soll. (V. M. 15, 14.) Wenn es sich aber um die Gabe für den Tempel handelt, so lautet die milde Forderung: „Ein jeglicher nach der Gabe seiner Hand, nach dem Segen, den dir der Herr, dein Gott, gegeben hat/' In V. M. 17, 4 ff. ist genaueste Prüfung und Untersuchung in Straf dingen geboten: „du sollst wohl danach fragen; und wenn du findest, daß es gewiß wahr ist.. ." Auch des Zweckes der Bestrafung ist gedacht. Dieser ist gleichfalls der natürlichste: „das alles Volk höre und sich fürchte und nicht mehr vermessen sei." (V. M. 17, 13.) Eine solche wohlabgewogene, reine Gesetzgebung mußte jede Unnatur aus dem Wege zu räumen suchen; und so finden wir es nur allem anderen entsprechend, wenn das Volk vor den „Tagwählern" und „Wahrsagern" gewarnt wird. Wie stolz, groß und weise klingt das Wort aus dem Munde Moses: „Einen Propheten wie mich wird der Herr dir erwecken." (V. M. 18, 15.) Und wie ureinfach ist das Merkmal, welches für das wahre Prophetenwort angezeigt wird. Wann ist das Wort nicht von Gott? Wenn nichts daraus wird und es „kommt nicht", — „das ist das Wort, das der Herr nicht geredet hat." (V. M. 18, 22.) Das läßt tief ins Herz des Gesetzr gebers schauen: was er sagt, muß eintreffen, denn es ist wie aus Gottes Mund. Es ist den Dingen gemäß, und so müssen die Dinge sich danach einstellen. Sie müssen kommen, wie der Prophet weiß, wie der Prophet will. Wille und Wissen ist dem wahren Propheten eins. Die Wahrheit ist das oberste Gesetz. Daher kennt Moses kein Erbarmen mit dem falschen Zeugen: „Dein Auge soll seiner nicht schonen." (V. M. 19, 21.) Von eben solcher staunenswerten Weisheit ist die Kriegssatzung, Kap. 20/21. Ungeheure Milde und große pädagogische Kunst einen sich zu einem Komplex von vorbildlichen Regeln. Wer vor den Amtleuten erklärt, daß er sich fürchtet und verzagten Herzens sei, der bleibe daheim; ebenso derjenige, der einem Weibe sich verbunden, das er noch nicht heimgeholt. Und wie zartfühlend ist das Gesetz gegen ein gefangenes Weib. Einen Monat Ruhe gewähre ihr der Sieger, wenn er sie ehelichen will, damit sie ihren Vater und ihre Mutter beweine. Wenn er aber inzwischen sich von ihr gewendet, dann soll er sie freilassen; er darf sie nicht verkaufen, weil er sie gedemütigt. (V. M. 21, 10—14.) D^n feinsten Zartsinn aber erreicht die Verordnung in V. M. 24, 10/11. „Wenn du deinem Nächsten irgendeine Schuld borgest, so sollst du nicht in sein Haus gehen und ihm ein Pfand nehmen. Sondern du sollst draußen stehen, und er, dem du borgest, soll dein Pfand zu dir herausbringen." Wir können infolge Raummangels der beispiellosen Tierliebe, der Wahrung der Familienehre und anderer Dinge gar nicht mehr Erwähnung tun und müssen uns nur noch auf Weniges beschränken. So sei nicht vergessen, daß, wo der Levite oder der Dürftige genannt wird, auch des Fremdlings gedacht wird. (V. M. 26, 12.) Auch die Normalität des großen Segens, V. M. 28, 1—14, darf nicht übergangen werden, ebensowenig der wunderbare Trost, Kap. 30. Ferner ist in 32, 4 wohl der reinste Ausdruck des göttlichen Vorbildes enthalten: „Er ist ein Fels. Seine Werke sind unsträflich; denn alles, was er tut, das ist recht. Treu ist Gott, und kein Böses an ihm, gerecht und fromm ist er." So soll der Mensch sein, ein Gott im Kleinen, Die Nähe, die Freundschaft und die Verwandtschaft Gottes ist eine urjüdische An-