Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 6 (September 1916)
- Article
- Die hebräische Sprache und unsere nationale Zukunft
- Date
- 1916-09-01
- Page
- 417 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Die hebräische Sprache und unsere nationale Zukunft 417 volke bestehen. Eine Buch- und Schulsprache seit Ewigkeit darf die Hoffnung hegen, auch fernerhin den Kampf mit den Sprachen anderer Völker siegreich führen zu können. Wenn aber nicht die hebräische, so darf sich keine andere dieser Hoffnung hingeben. Aber diese Hoffnung, die unser Herz erfüllt, kann sich nur nach einer langen und schweren Arbeit für die Wiedergeburt der hebräischen Sprache im Exil verwirklichen. Das Allerwichtigste, das diese Arbeit zu leisten hat, ist, daß sie für das Hebräische als Umgangssprache in den Exilländern einen gewissen Platz erringen muß. Damit bin ich zum wichtigsten Punkt meines Themas gelangt. Freunde wie Feinde sind gewöhnlich der Ansicht, daß das Bestreben, im Exil Hebräisch zu sprechen, ein leerer Traum sei. Aber gerade das Hebräischsprechen ist gegenwärtig der einzige Weg zur Wiedergeburt unserer Sprache. Wir glauben zwar nicht, daß Hebräisch eine natürliche, in den normalen Lebensbedingungen begründete Sprache im Exil werden kann. Wir wissen, daß so etwas im Exil überhaupt unmöglich, daß es höchstens für eine gewisse Zeit, unter gewissen Umständen denkbar ist. (Und eben darum glauben wir nicht an die Zukunft des Jargon.) Das Hebräischsprechen, welches wir anstreben, soll aber der hebräischen Sprache durchaus nicht ihren Grundcharakter als Literatursprache nehmen. Sie wird vielmehr ihre Nahrung immer aus den Büchern und aus der Schule schöpfen, aus den Quellen also, denen sie ihre Macht verdankt. Wir erblicken im Hebräischsprechen nur eine notwendige Gebietserweiterung des Bucheinflusses. Unsere Vorfahren hatten für das Hebräisch als Umgangssprache kein Bedürfnis, denn als Kultursprache beherrschte es einzig und allein ihr ganzes Leben. Das ganze geistige Leben des Juden, von den Gebeten des einfachen Mannes bis zu des Ghettogrüblers pilpulistischer Beschäftigung mit Aristoteles, bewegte sich innerhalb der Grenzen des Hebräischen. Aber in den heutigen und folgenden Generationen wird das Hebräische als Kultursprache den Platz mit der Landessprache teilen müssen. Wenn wir also den Schaden, den Hebräisch als Kultursprache erleidet, nicht dadurch ersetzen, daß wir seinen Einfluß als. Umgangssprache erweitern, so wird es, da es im Leben nicht genügend Wurzel fassen wird, nicht bestehen können. Man kann die Notwendigkeit dieser Erweiterung an der Schule beobachten. Im alten Cheder, wo man nur Hebräisch und dessen Literatur unterrichtete, war die Wahl der Unterrichtssprache gleichgültig. In der neuen jüdischen Schule aber, wo fremden Kulturen und Sprachen viel Platz eingeräumt werden muß, kann man den so entstehenden Schaden nur dadurch ersetzen, daß Hebräisch die Unterrichtssprache wenigstens für die „jüdischen Fächer** wird. Sollte man anders verfahren, so werden die Schüler das Hebräisch nie genügend erlernen können. Es ist merkwürdig genug, daß das Hebräischsprechen nicht als eine Theorie aufgetreten war. Vielmehr lächelten die „Theoretiker" darüber, oder schüttelten zweifelnd den Kopf. Es kam als eine notwendige Folge der Liebe zur Sprache auf. Die Jugend, die von ihren Vätern eine heiße Liebe zur Sprache ihres Volkes erbte, konnte diese Liebe nur durch das Sprechen in die Tat umsetzen, denn ihre bloß literarische Verknüpfung mit der Sprache war nicht mehr so ungeteilt, wie sie es bei ihren Vätern war. Aber das Hebräischsprechen kann seine geschichtliche Aufgabe nur dann erfüllen, wenn es sich auch zur Theorie ausbildet, d. h. wenn es durch die klare Erkenntnis seiner unumgänglichen Notwendigkeit zur Grundlage unserer Volksarbeit werden wird. Der geeignetste Boden für die erwähnte Volksarbeit ist nun das Ostjudentum. Nicht nur weil bei ihm das gesellschaftliche jüdische Leben ausgeprägter ist, sondern Heft 6. 29