Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 6 (September 1916)
- Article
- Die hebräische Sprache und unsere nationale Zukunft
- Date
- 1916-09-01
- Page
- 416 (sequence 10)
- Language
- German
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4i6 J. Kaufmann: werden. Dies zu verhindern liegt nicht in unserer Gewalt. Wem diese Verhältnisse klar geworden sind, der wird kaum an die Möglichkeit eines Sprachenbündnisses bei uns glauben können. In dem uns neben der Einflußsphäre der Landessprache noch übrigbleibenden Gebiete, namentlich im Gebiete unseres nationalen Lebens, gibt es höchstens nur noch für eine der zwei Sprachen Platz. Ist dem aber so, so kann man nicht von einem Bündnis, sondern einzig und allein von einem erbitterten Kampf auf Leben und Tod zwischen den konkurrierenden Sprachen reden. Wer für die eine ist, der muß die andere bekämpfen. Wer aber für beide ist, — der weiß einfach nicht, was er redet. Wenn jemand sagt, man müsse den Jargon als Mittel gegen die Assimilation und als Stütze des Hebräischen behalten, der sagt mit anderen Worten: Da dem Hebräischen in der Landessprache, die zur Kultursprache der Juden wird, ein Feind entsteht, so muß man ihm noch seinen zweiten Feind im Jargon bereiten, der ebenfalls eine Kultursprache zu werden strebt — und auf diesem Weg soll das zweifach bedrohte Hebräisch gerettet werden. Eine richtige Betrachtung der Sprachenfrage zeigt uns, daß der Versöhnungsvorschlag nichts als eine leere Phrase zaghafter Friedensfreunde ist. Nicht indem wir unsere Kräfte zugunsten zweier Sprachen zersplittern, werden wir unser Ziel erreichen, sondern indem wir sie zugunsten einer einzigen sammeln. Es gibt also nur einen Weg: man muß eine der beiden Sprachen zugunsten der andern aufopfern, sollte auch dieses Opfer für den Einzelnen noch so schwer sein. Die Frage ist nur, welche von den* beiden verdient und Aussicht hat erhalten zu bleiben. 'Wodurch sich die hebräische von allen andern Sprachen, deren sich die Juden im Exil bedienten, unterscheidet, ist das, daß sie, solange das Volk lebt, nicht aus dessen Herzen schwinden kann. Jede andere Sprache schwand völlig aus dem Herzen des Volkes, sobald sie aus seinem Munde schwand. Nur das Hebräische ist mit dem Volke aufs engste verknüpft, und nur es fährt fort, die Sprache seiner Literatur zu sein — selbst Jahrtausende, nachdem es aufgehört hat, gesprochen zu werden. Nur Hebräisch lernt der Jude mit inniger Liebe, obwohl es ihm durchaus nicht „nötig" ist. Auch in Westeuropa ist das Hebräische nicht völlig ausgestorben. Auch dort wird es von den Juden — freilich nur als religiöses Unterrichtsfach — gelernt. Und welch tiefe Wurzel unsere Sprache noch im westeuropäischen Judentum hat, hat der Sprachenkampf in Palästina gezeigt. (Ein weiterer Umstand, der für die Bevorzugung des Hebräischen spricht: nur es wird von den Juden aller Länder anerkannt und geachtet.) Gestützt auf diese geschichtliche Kraft der Sprache müssen wir unser nationales Gebäude errichten. Gestützt auf diese Kraft fürchten wir Hebraisten nicht, den Tatsachen ins Gesicht zu schauen, und uns mit dem erforderlichen Ernst für die neuen Zustände, denen unser Volk entgegengeht, vorzubereiten. Kultur und Sprache der uns umgebenden Völker gewinnen an Einfluß in unserm Volke. Und wenn wir trotzdem nicht an der Zukunft des Volkes verzweifeln, sondern vielmehr an seine zukünftige Einheit und geistige Macht glauben, so geschieht es deswegen, weil wir an die Macht der nationalen Kultur und Sprache unseres Volkes glauben; denn wir glauben, daß unsere Kultur und Sprache neben denen der andern Völker ihren Platz behaupten werden. Zwei Jahrtausende lang wird von den Juden Hebräisch gelernt; nicht etwa weil das Erlernen dieser Sprache für sie notwendig (wie das der Landessprache), oder etwa unter den gegebenen Umständen besonders leicht (wie das des Jargon) wäre, — sondern trotzdem es weder „notwendig", noch leicht ist. Nur eine solche Sprache kann bei einem Exil-