Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 6 (September 1916)
- Article
- Die hebräische Sprache und unsere nationale Zukunft
- Date
- 1916-09-01
- Page
- 418 (sequence 12)
- Language
- German
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418 J. Kaufmann: Die hebräische Sprache und unsere nationale Zukunft auch — weil die Ostjuden zvu Zeit noch Jargon sprechen. Wir gelangen hiermit zur eventuellen positiven Bestimmung des Jargon. Die Ostjudenheit, da sie vorläufig noch Jargon spricht, befindet sich jetzt erst im Zustande des Sprachenwechsels: noch hat die Landessprache die Sprache des früheren Exils nicht verdrängt. Freilich hat die frühere Exilsprache keine Hoffnung, erhalten zubleiben. Aus dem langsamen Prozeß des Sprachenwechsels kann aber das Hebräische Nutzen ziehen. Die nationale Bewegung muß sich alle Mühe geben, damit dem Hebräischen nach diesem Prozeß ein gleicher Teil wie der Landessprache zukommt. Sie muß für das Hebräische einen Platz als Umgangssprache, namentlich im Bereiche des nationalen Lebens, wo jetzt der Jargon herrscht, z. B. im Gebiete der nationalen Erziehung, gewinnen. Dadurch wird die Stellung des Hebräischen als Kultursprache gestärkt, und kann das Hebräische neben der immer einflußreicher werdenden Landessprache bestehen. Die positive Bestimmung des Jargons ist also nicht sein Bestehen, sondern sein Vergehen: denn durch sein allmähliches Absterben soll er den Platz, den er neben der Landessprache vorläufig behauptet, für das Hebräische freimachen. Die Aufgabe der nationalen Bewegung im Exil ist, den Umstand des Sprachenwechsels auszunutzen, und eine neue Synthese zwischen unserer National- und den Landessprachen zu schaffen, — eine Synthese, die den neuen Bedingungen, welchen unser Volk entgegengeht, angepaßt sein wird, und die ein Vorbild für die Juden der ganzen Welt wird sein können. Wird diese Synthese zustande kommen? Es läßt sich kein theoretischer Beweis dafür erbringen. Wir haben keine „ehernen Gesetze", auf die wir uns stützen könnten. Überhaupt sind die „ehernen Gesetze" der Geschichte nicht für das jüdische Volk geschrieben. Hätte unser Volk diesen Gesetzen Gehör leisten wollen, so wäre längst jede Spur von ihm verschwunden. Wir stützen uns einzig und allein auf den Willen unseres Volkes, sein nationales Dasein zu behaupten. Solange dieser Wille lebt, wird er sich in der Beziehung des Volkes zur hebräischen Sprache kundgeben, — seiner Geistessprache, seiner heiligen Sprache. Die unter uns und unter den Fremden, denen der Geist unseres Volkes fremd ist, meinen unsere Hoffnungen dadurch zu zerstören, daß sie behaupten, das Hebräische sei für das Volk „nur" die „heilige" Sprache, — wie etwa „das Lateinische für die Angehörigen der katholischen Kirche"*). Jeder, der weiß, was Hebräisch für unser Volk in der ganzen Geschichte war und noch heute ist, wird die Oberflächlichkeit eines solchen Vergleiches einsehen. Das Volk nennt seine Sprache „heilig", aber ist denn nicht das ganze Volkstum im Exil für das Volk eine „Heiligkeit"? Für das Exiljudentum sind „national" und „heilig" Synonyme: deswegen ist nur die Sprache, die das Volk als heilig betrachtet, von ihm als seine Nationalsprache anerkannt. Auf dem Gefühle der Heiligkeit — des Landes und der Sprache — ist die nationale Bewegung begründet: sie strebt die Wiedergeburt des heiligen Landes und der heiligen Sprache an. Und wichtiger ist die Wiedergeburt der Sprache, denn nur dank dieser wird das zerstreute Volk sich mit seinem Lande und dessen Kultur vereinigen können; nur durch diese wird die Wiedergeburt des Landes eine Wiedergeburt des Volkes bringen können. Bern J. Kaufmann *) Prof. Hermann Strack, Vossische Zeitung, 14. Mai d. J. (Sonntagsausgabe).