Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 6 (September 1916)
- Article
- Die hebräische Sprache und unsere nationale Zukunft
- Date
- 1916-09-01
- Page
- 415 (sequence 9)
- Language
- German
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Die hebräische Sprache und unsere nationale Zuhunft Assimilation der deutschen Juden gewesen sei. Damit aber tritt das Absurde dieser „Theorie" in den Vordergrund. So etwas zu behaupten heißt die Geschichte geradezu auf den Kopf stellen. In Wirklichkeit war das Verschwinden des jüdischen Dialekts in Deutschland bloß eine nebensächliche Folge des mächtigen Prozesses der Einverleibung der deutschen Juden durch die deutsche Kultur. Derselbe mächtige Prozeß hatte noch eine andere sehr wichtige Folge: die Verdrängung der hebräischen Sprache. Analog geschah es in den Ländern des Westens, wo die Juden der Landessprache fremde Dialekte zur Zeit der Emanzipation sprachen (z. B. in Holland u. a.). Da trafen zwei Prozesse zusammen: der Umgangssprachenwechsel (der Untergang des Jargons) und der Kultursprachenwechsel (die Verdrängung des Hebräischen). Der vollständige Anschluß an die allgemeine Kultur war es, der das Hebräische verdrängte und zugleich nicht nur besondere Umgangssprachen, sondern auch jüdische Mundarten unmöglich machte. Der Untergang des Hebräischen und der Untergang des Jargons waren also beigeordnete Prozesse, die voneinander unabhängig (wohl aber von einer gemeinsamen Ursache abhängig) vor sich gingen. Dasselbe geschieht auch jetzt in Osteuropa: durch das sich in zwei Richtungen geltend machende Vordringen der Landessprache werden zugleich das Hebräische und der Jargon verdrängt. Es ist aber widersinnig zu glauben, daß weil dieses Vordringen sich in der einen Richtung geltend macht, es sich auch in der anderen geltend mache. Jargon und Hebräisch sind zwei verschiedene Sphären. Hätte die Landessprache bei den osteuropäischen Juden nur als Umgangssprache anstatt des Jargons Aufnahme gefunden, dann hätte das Hebräisch (als Kultursprache) darunter gar nicht zu leiden, wie es ja gewöhnlich in unserer Geschichte der Fall war. Aber die Gestaltung der Dinge im Osten ist solcher Art, daß gerade die hebräische Sprache in erster Linie von der Landessprache getroffen wird, denn die Landessprache wird in Osteuropa in der Regel erst Kultursprache der Juden und dann auch deren Umgangssprache. Ja, sie wird manchmal, wie schon erwähnt, nur zur Kultursprache. Unter solchen Umständen ist es noch mehr als sonst klar, daß durch die Erhaltung des Jargons der hebräischen Sprache nicht im mindesten geholfen werden kann. Aber nicht nur das. Die Versöhnungsjargonisten vergessen, daß die geschichtliche Aufgabe, die der Jargon jetzt erfüllt, eine kulturelle ist. Als Kultursprache aber ist der Jargon selbst ein Feind des Hebräischen, mindestens ebensosehr, wie die Landessprache. Wenn wir jetzt für den Jargon arbeiten, so tun wir es nicht mehr für jene „Sprache der Unwissenden und Frauen*', sondern für die, welche sich die Krone der Nationalsprache aufsetzte und selbst die hebräische zu verdrängen die Absicht hat. Aber der Grundfehler, den die Versöhnenden begehen, und der ihre ganze Ansicht zunichte macht, ist der, den sie mit den extremen Jargonisten teilen, daß sie nämlich die Rolle der Landessprache im Osten verkennen. Entweder vergessen sie gänzlich, daß es im Osten eine gibt, und verteilen mit freigebiger Hand die Ämter unter dem Hebräischen und dem Jargon; oder, wenn sie sich einmal jener armen erinnern, so glauben sie, sie durch einen Bundesschluß ewischen Jargon und Hebräisch los werden zu können. Nun aber ist es unmöglich, zinen richtigen Standpunkt in der Sprachenfrage zu gewinnen, wenn man sich nicht ein für allemal folgendes eingeprägt hat: Die Landessprache wird sich mit Gewalt als Umgangs- und Kultursprache bei den Juden Osteuropas durchringen. Der Jude, der das Ghetto verläßt oder es verlassen will, muß die Sprache des Landes kennen, und zwar will er sich diese nicht seinen Ahnen gleich in einer verdorbenen, sondern in ihrer reinsten und schönsten Form aneignen. Gegen dieses Bedürfnis gibt es kein Mittel. Die Juden des Ostens müssen der Kultur und Sprache ihres Landes einverleibt