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Der Jude · 1916-09-01 · Heft 6 (September 1916) · p. 414

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 6 (September 1916)
Article
Die hebräische Sprache und unsere nationale Zukunft
Date
1916-09-01
Page
414 (sequence 8)
Language
German
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414 J. Kaufmann: Kinder in der Landessprache unterrichten zu lassen. Und wird einmal die Landessprache allgemeines Gut der Massen, so daß ihnen der Jargon nicht mehr notwendig sein wird, — dann wird er nicht einen Tag länger bestehen können; anders, als das Hebräische, denn der Jargon hat nicht die historische Bedeutung, die jenes hat. Das Volk ehrt und liebt nicht den Jargon, und wird deswegen nicht für dessen Existenz kämpfen und für dessen Erhaltung Energie vergeuden wollen. Infolgedessen ist es widersinnig, den jüdischen Nationalismus auf dem Jargon zu begründen. Die Jargonbewegung führt unvermeidlich zur Assimilation, nicht etwa ihrer Absicht, sondern ihrer Natur zufolge. Diejenigen Teile des Volkes, die dieser Bewegung folgen, und die zugunsten des Jargon auf das Hebräische verzichten werden, werden schließlich zugunsten der Landessprache auf ihren Jargon verzichten. Die Mehrheit des Volkes wird sich nicht unter die Fahne des Jargonismus stellen, wenn er ins Extreme ausartet. Und das (die Unschädlichkeit nämlich) ist die gute Seite des extremen Jargonismus. Demgegenüber birgt der gemäßigte Jargonismus eine große Gefahr. Die Gefahr ist um so größer, als dieser in den weiten Kreisen der Zionisten Anklang findet. Dieser Jargonismus leugnet das Bestehen eines Sprachenkampfes: Der Kampf sei nur von Streitlustigen angefacht; zwischen Hebräisch und Jargon herrsche Friede, sie seien keine „Rivalen", sondern „Verbündete". Das Hebräische — sagt man — kann nur bestehen, wenn ihm die Umgangssprache zu Hilfe kommt, und man führt einen schlagenden Beweis an: überall, wo der Jargon untergegangen war, ging auch das Hebräisch zunichte; folglich müssen wir, um des Hebräisch willen, den Jargon verteidigen. In dieser „Theorie" hält sich ein ganzes Nest von Irrtümern und Fehlschlüssen verborgen. Aber gefährlich ist sie wegen ihrer scheinbaren Richtigkeit. Wie in manchen Ländern Westeuropas, so wird auch jetzt in Osteuropa der Jargon gleichzeitig mit dem Hebräischen verdrängt. Aber aus diesem zeitlichen Zusammentreffen zweier Erscheinungen auf einen ursächlichen Zusammenhang zu schließen, heißt die Dinge ungemein oberflächlich beurteilen. Es sei zunächst darauf hingewiesen, daß das Verschwinden des Jargons in Deutschland und dessen Verschwinden in den Ländern außerhalb Deutschlands zwei voneinander gänzlich verschiedene Prozesse waren: in Deutschland bestand es im Aufgeben einer besonderen Mundart der herrschenden Sprache, in den anderen Ländern — im eigentlichen Sprachenwechsel. Dieser Unterschied ist sehr wichtig. Er leitet uns auf die Frage hin: welches Moment denn im Verschwnden dee Jargons die angebliche Gefahr für das Hebräische birgt — der Sprachenwechsel als solcher oder das Nichtausbilden (bezw. das Aufgeben) jüdischer Mundarten? Das erstere wird wohl niemand behaupten. Ein Verschwinden des Jargons im Sinn eines Sprachenwechsels war ja eine gewöhnliche Erscheinung in der Galuth, ohne in der Regel für das Hebräische gefährlich zu sein. Haben doch z. B. die deutschen Juden, als sie nach Deutschland kamen, ihren früheren „Jargon" aufgegeben, sich die Landessprache angeeignef, ohne Gefahr zu laufen das Hebräische zu verlieren. Erst als sie nach der Emanzipation die Mundart aufgaben, verschwand das Hebräische. Will man nun einen ursächlichen Zusammenhang zwischen dem Untergang des Jargons und dem des Hebräischen annehmen, so ist das etwa nur so zu verstehen, daß die angebliche Gefahr für das Hebräische nicht gerade im Verzicht auf den importierten Dialekt und in der Aneignung der Landessprachen, sondern im Nichtausbilden bezw. im Aufgeben besonderer Mundarten der angeeigneten Landessprache steckt. So behauptet auch Dubnow, daß der Verzicht auf die Mundart eine der Ursachen der

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