Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 6 (September 1916)
- Article
- Die hebräische Sprache und unsere nationale Zukunft
- Date
- 1916-09-01
- Page
- 413 (sequence 7)
- Language
- German
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Die hebräische Sprache und unsere nationale Zukunft 413 Geschlecht zu.) So begann im Osten die nationale Assimilation in dem oben auseinandergesetzten Sinne. Bald ließ sich dort auch das ständige böse Zeichen unserer nationalen Entartung merken: es entstand eine „jüdische" Literatur in der Sprache der Umgebung, Jedoch war die hebräische Kultur stark genug, um die ihr von der „Haskala" zugefügten Schäden bekämpfen zu können. Die nationale Bewegung — die Chibath- Zion und deren Erbe, der Zionismus - baute von neuem auf, was die „Haskala" zu zerstören begonnen hat. Zwar ließen sich die Zionisten in einen unfruchtbaren Streit über „materielle" und „geistige" Arbeit ein, tatsächlich aber trugen sie durch ihre Tätigkeit zur Wiedergeburt der hebräischen Kultur bei. Die Blütezeit des Zionismus war zu gleicher Zeit eine Blütezeit für die neuhebräische Literatur. Die nationale Bewegung begann mit der Gründung einer neuen Basis für die hebräische Kultur in Palästina. Aber inzwischen entstand ihr ein Feind von innen — in der Jargonbewegung. Die Jargonbewegung ist eine Mißgeburt der nationalen. Ihre ideologische Begründung ist in kurzen Worten folgende: Das jüdische Nationalwesen ist etwas geschichtlich Unbestimmtes. Es gibt nur Menschen, die „Juden" heißen. Die Eigentümlichkeit, die die jeweiligen Umstände diesen „Juden" aufdrängen, bilden die Kennzeichen des jüdischen nationalen Seins. Da nun die Mehrheit der Juden im Augenblick Jargon spricht, so ist dieser die nationale Sprache des Volkes und soll die Sprache seiner Kultur sein. Für dieses Jargonvolk hat das Hebräische nur noch geschichtliche Bedeutung; inwiefern es aber die lebende Umgangssprache gefährdet, ist es zu bekämpfen. — Mit dieser Ideologie habe ich mich an einem andern Orte auseinandergesetzt.*) Ich will hier nur über die Bedingungen, die zu ihrer Verbreitung beigetragen haben, sprechen. Die jüdische Jugend der Haskalaepoche, die nach weltlicher Bildung strebte, hat sich eine Literatur geschaffen, die ihren Zwecken genügte, eine Literatur, die ihr eine Brücke zur landessprachlichen Literatur werden sollte. Im Hebräischen —- der einzigen Sprache, die der damaligen intellektuellen jüdischen Jugend zugänglich war — wurden Bücher über „Natur", über „Telegraphie" usw. geschrieben, kurz über Gegenstände, die sich ein Jüngling aus der Jeschiwa aneignen mußte, bevor er aufs Gymnasium kam. Aus den hebräischen Wörterbüchern eigneten sich Tausende von jungen Leuten die Kenntnis der Landessprache an. Im Laufe der Zeit erwachte das Bedürfnis nach weltlicher Kultur auch in den weiteren Volksschichten, und da kam die Zeit der Kultursprache zweiten Ranges, des Jargon, heran: Zeitungen, Volkserzählungen im Jargon befriedigten die primitiven Bedürfnisse des ungebildeten Juden, der nach weltlicher Bildung strebte, dem diese aber zur Zeit nur durch den Jargon vermittelt werden konnte. Tatsächlich bestand darin seine Notwendigkeit, und das war der Grund für die Blüte seiner Literatur. Auf diesen Verhältnissen baut nun die Jargonbewegung ihren demokratischen „Überbau". Ihr fataler Irrtum besteht darin, daß sie den zeitlichen und vergänglichen Charakter dieser Verhältnisse übersieht. Sie verkennt, daß der Jargon, wie das Hebräische in der Haskalaepoche, eine Brücke zur Landessprache bilden wird; sie verkennt, daß sich die Landesals Kultursprache nicht nur unter den Intellektuellen, sondern auch unter der Volksmasse, die ausschließlich aus Stadtbevölkerung besteht, verbreitet. Der einfache Jude, dem eine Jargonzeitung genügt, bemüht sich schon jetzt, seine *) „Haschiloach", Oktober 1914.