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Der Jude · 1916-09-01 · Heft 6 (September 1916) · p. 412

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 6 (September 1916)
Article
Die hebräische Sprache und unsere nationale Zukunft
Date
1916-09-01
Page
412 (sequence 6)
Language
German
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412 J. Kaufmann: Kenntnis des Gebetbuches und der Thora, aber nicht auf das Wieviel des Wissens kommt es an, sondern auf die Beziehung. Jeder Jude wußte, daß wer kein Hebräisch versteht, als Am Haarez ein minderwertiger Jude ist, und daß je mehr sich einer mit den „kleinen Buchstaben" befaßt, desto größer sein Ansehen als Jude ist. Eine solche Sprachendreiheit kennzeichnet eine Übergangsperiode. In einem ähnlichen Zustand befanden sich die Juden öfters während ihrer Wanderungen von einem Exil ins andere. Von einem Verbannungsland ins andere geraten, behielten die Juden so lange die Sprache ihres letzten Aufenthaltsortes, bis diese von der neuen Landessprache verdrängt wurde. Es sei z. B. an die Juden der Rheinprovinzen erinnert, die, nachdem sie dorthin kamen, noch Hunderte von Jahren hindurch Französisch redeten, das Französische zum Unterschied vom Deutschen „unsere Sprache" nannten und mit hebräischen Buchstaben schrieben. Auch im Osten mußte schließlich der Sprachenwechsel eintreten, es mußte nämlich die Landessprache das importierte Judendeutsch verdrängen. Nur konnte die Art und Weise des Verdrängens verschieden sein. Es konnte sich der Einfluß der Landessprache nur in der Sphäre des mündlichen Verkehrs geltend machen; dann hätte der Jargon als Umgangssprache der Landessprache den Platz räumen müssen. Geschichtlich betrachtet wäre das für das jüdische Volkswesen belanglos. Denn nachdem das Hebräische aus dem Munde des Volkes schwand, kann man nicht in jedem neuen Sprachenwechsel einen Assimilationsprozeß erblicken. Aber die Landessprache konnte in ihrem Einfluß weitergehen, sie konnte auch in die Sphäre des geistigen Schaffens unseres Volkes eindringen. Dann würde sie mit einem Schlag das Jüdisch-deutsch als Umgangs- und das Hebräische als Kultursprache vernichten. Das hätte nun nach dem früher Gesagten eine nationale Entartung zur Folge. Die Umstände haben sich so gestaltet, daß der Sprachenwechsel bei den Ostjuden die zweite Form anzunehmen begonnen hat. Der Beginn der „Haskala" war der Anfang dieses Wechsels. Der Zweck der „Haskala" war natürlich nicht die Aufklärung überhaupt, sondern die im Staate herrschende fremde Kultur, — eine Vorbereitung zur politischen Emanzipation. Freilich war die erste Folge der „Haskala" das Aufblühen des hebräischen Schrifttums. Es entstand eine mehr oder weniger reiche weltliche Literatur, es wurde der hebräische Roman, die hebräische Novelle geschaffen; die hebräische Liederpoesie wurde erneut und eine Publizistik ins Leben gerufen. Aber die Grundidee, die diese ganze Literatur belebte, was die „Aufklärung", — und zwar in der Reichssprache. Wer sich an das Volk schriftlich wenden wollte, der mußte zu ihm hebräisch reden, auch diejenigen, die dem Hebräischen jede Zukunft absprachen (Kowner usw.). Es waren aber nur wenige letzterer Art. Die meisten „Maskilim" hegten eine innige Liebe zur „schönen Sprache". Das Resultat war jedoch, daß schon die der Haskala unmittelbar folgende Generation deren Sprache aufgab. Die Kinder sogar derjenigen, die die Urheber der neuhebräischen Literatur waren, waren in der Regel nicht mehr imstande, die Werke ihrer Väter zu lesen. Nach einiger Zeit legte die „himmlische" Haskala ihre schmucken Kleider ab und wurde eine bloße Erwerbsquelle. Jüdische Jünglinge verließen scharenweise den Beth-hamidrasch und überfluteten die allgemeinen Bildungsstätten. So ist eine Generation von Intellektuellen herangewachsen, die im Geiste einer fremden Kultur und in einer fremden Sprache erzogen wurde. Die Reichssprache war für sie gleichzeitig Umgangs- und Kultursprache geworden. Kultursprache sogar noch eher. Tausende von jüdischen Intellektuellen verstehen noch miteinander Jargon zu sprechen, aber die Sprache ihres Denkens und Fühlens ist einzig und allein die Reichssprache. (Das trifft besonders auf das weibliche

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