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Der Jude · 1916-09-01 · Heft 6 (September 1916) · p. 411

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 6 (September 1916)
Article
Die hebräische Sprache und unsere nationale Zukunft
Date
1916-09-01
Page
411 (sequence 5)
Language
German
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Die hebräische Sprache und unsere nationale Zukunft 411 werden muß. Es ist aber schon geschehen: durch den Verzicht des westeuropäischen Juden auf die hebräische Sprache als Kultursprache wurde das Band zwischen den Juden West- und Osteuropas, sowie zwischen den einzelnen Teilen der westeuropäischen Juden selbst durchschnitten; freilich nicht gänzlich, denn es besteht noch immer das religiöse Band, das aber nur eine Vergangenheit, jedoch weder Gegenwart noch Zukunft kennt. Infolge dieser Absonderung erreichte die westeuropäische Judenheit wenn nicht die Stufe eines nationalen Todes, so doch die einer nationalen Erstarrung, die dem Tode sehr nahe kommt. Zwar entstand in Westeuropa eine reichhaltige, fremdsprachige Literatur auf dem Gebiete der „Wissenschaft des Judentums". (Eine fremdsprachige Literatur jüdischen Inhalts ist übrigens das eigentliche Kennzeichen nationaler Entartung im oben auseinandergesetzten Sinne. Vgl. die alexandrinische Epoche.) Aber diese Literatur ist trotz des Inhaltes kein nationales Schaffen, weil sie auf das allgemeine Schaffen der Nation nicht befruchtend einwirken kann. Denn was nicht Erbgut der ganzen Nation werden kann oder soll, ist eben dadurch national entwertet. Und wenn das ganze jüdische Volk zu einem ähnlichen Schicksal verurteilt ist, wie es die westeuropäische Judenheit getroffen hat; wenn es seine Sprache, die es bis jetzt geistig zusammenhielt, verlieren soll, — dann werden die geistigen Kräfte des Volkes wegen der Sprachbuntheit zersplittert, dann löst sich das geistige Band auf, dann tritt das Ende seiner nationalen Existenz ein. Wir können also das Wesen (wohlgemerkt nicht die Ursache!) der gegenwärtigen Krise in folgenden Worten ausdrücken: das Hebräische droht als Kultursprache der Juden abzusterben; dadurch verliert das jüdische Gemeinwesen seinen nationalen Charakter und sinkt zur Stufe einer Gesamtheit bloß synagogaler Gemeinden herab. In den meisten westeuropäischen Ländern ist dieser Prozeß bereits zum Abschluß gekommen. Zu unserm Glück befindet er sich bei der Mehrheit unseres Volkes, d. h. in Osteuropa, erst in dem Anfangsstadium. Die Zukunft des jüdischen Volkes hängt von der Lösung der Sprachenfrage in Osteuropa ab: wird diese nämlich so, wie es in Westeuropa war, gelöst, dann stehen wir vor dem Ende der jüdischen Nation; schlagen aber die osteuropäischen Juden einen andern Weg ein, den Weg der Wiedergeburt des Hebräischen, so werden sie sich selber vor dem nationalen Untergang retten und auch ihren westlichen Volksgenossen Hoffnung und Errettung bringen. Die letztere, positive Möglichkeit will ich hier besprechen. Im Leben der osteuropäischen Juden herrschen drei Sprachen: die Landessprache, der jüdisch-deutsche „Jargon" und Hebräisch. Bis jetzt war einer jeden der drei Sprachen ein spezielles Gebiet zugewiesen. Man bediente sich der Landessprache zum Zwecke des Verkehrs mit der Landesbevölkerung, das Jüdisch-deutsch bildete die Umgangssprache der Juden, Hebräisch aber war die Sprache der Kultur, des geistigen Lebens des Volkes. Freilich war auch der Jargon eine Kultursprache zweiten Ranges. Da man die Buchstaben des hebräischen Alphabets für die Jargonschrift verwendete, bildete sich allmählich eine Jargonorthographie aus. In dieser Form befriedigte der Jargon die niedrigem geistigen Bedürfnisse, er war Vulgär- und Frauensprache. Aber als seine eigentliche Kultursprache sah der Jude das Hebräisch an. Hebräisch ließ er seine Söhne erziehen; es war die Sprache seines Denkens und Fühlens. Nicht nur Literaturwerke, sondern alles was für den einzelnen Juden von irgendwelcher dauernden Bedeutung war, schrieb er hebräisch: so z. B. die chronikartigen Einschreibebücher der Gemeinde oder sogar die Rechnungenhefte der Krämer. Freilich überstiegen die hebräischen Kenntnisse des Durchschnittsjuden nicht die

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