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Der Jude · 1916-09-01 · Heft 6 (September 1916) · p. 410

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 6 (September 1916)
Article
Die hebräische Sprache und unsere nationale Zukunft
Date
1916-09-01
Page
410 (sequence 4)
Language
German
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4io J. Kaufmann: sterben des Hebräischen als Kultursprache als Ende der völkischen Eigenart der Juden und als Herabsinken zur dritten Stufe betrachten. Betrachten wir von diesem geschichtlichen Gesichtspunkte aus die gegenwärtige Lage des jüdischen Volkes, so werden wir klar und deutlich die Natur der inneren Krise, die es jetzt durchmacht, erfassen können. Assimilationsperioden, wie die alexandrinische war, hat unser Volk da und dort während des Exils erlebt. Aber es waren immer nur vereinzelte Erscheinungen, die keine Gefahr für die Gesamtheit des Volkes bargen. In neuester Zeit aber hat sich die Sache wesentlich verändert. Die Judenemanzipation in Europa brachte mit sich eine Assimilationsgefahr für das ganze Volk, sie trug in ihrem Schöße das Verderben der gesamten Nation. Nicht nur in dem oder jenem Lande, nein, in ganz Westeuropa wurden die Juden vom Strom der fremden Kultur mitgeschleppt. Fragen wir nun, worin eigentlich der Assimilationsprozeß der Judenheit während der Emanzipationsperiode besteht. Hat sich doch die Zahl der Juden in Westeuropa sogar beträchtlich vermehrt! Und nehmen nicht Juden einen Ehrenplatz in Kunst und Wissenschaft ein? Stehen denn nicht die Synagogen unbehelligt da? Und begann nicht im Zeitalter der Emanzipation die „Wissenschaft des Judentums" zu blühen, die jetzt eine reichhaltige Literatur aufweist? Und spricht man denn nicht — wenn auch mit vielfachen Übertreibungen — von dem in der europäischen Kultur sich überall geltend machenden „jüdischen Geist"? Kein gesunder Mensch wird wohl darin, daß die Juden die Landesals Umgangssprache aufnahmen, eine Assimilation erblicken. Die deutschen Juden — die die Mehrheit der westeuropäischen Judenheit bilden — redete auch vor der Emanzipation Deutsch. Freilich war ihr Deutsch ein eigentümlicher Dialekt. Aber in allen Landesteilen Deutschlands werden ja besondere Mundarten gesprochen. Keiner wird wohl die Behauptung aufstellen, daß ihre von der deutschen Literatursprache abweichende Mundart das Merkmal ihrer nationalen Eigenart bei den Juden war. Worin besteht denn also die so viel besprochene Entnationalisierung der westlichen Juden, die doch als objektive Tatsache auch unabhängig von der Assimilationstheorie besteht, und sogar da, wo der nationale Wille wieder erwacht ist? Tatsächlich bestand die Assimilation darin, daß die Westjuden, die durch die Emanzipation in die Kulturgemeinschaft ihrer Nachbarn aufgenommen wurden, das Hebräische als Kultursprache aufgaben. Nicht nur hat der „liberale" Jude, dessen Beziehung zum Judentum sich nur am Versöhnungstage und an seinem Todestage kundgibt, keinen Anteil mehr an einer lebendigen und organisch sich fortbildenden jüdischen Kultur, sondern es hat ihn auch der gesetzestreue Jude Westeuropas nicht. Zwar hält er die alte hebräische Literatur hoch und heilig, aber sie ist für ihn schon längst, für alle Ewigkeit abgeschlossen und ihre Sprache schon längst gestorben. Er denkt, fühlt und schafft in der Sprache der fremden Kultur, in deren Sphäre er lebt. Während er selber noch die Möglichkeit hat, die Weisheit der Lehrer des Judentums aller bisherigen, auch der Exil-Generationen zu genießen, verharrt er in undankbarem Unverständnis gegenüber demjenigen Faktor, der ihm diese Möglichkeit verschafft hat —• gegenüber der nationalen Sprache. Er empfindet nicht das Ungeheuere des Umstandes, daß durch das Aufgeben des Hebräischen als Kultursprache eine solche organische Einheit fürder unmöglich gemacht wird; daß dadurch nunmehr eine alljüdische Tätigkeit, wie die eines Maimonides, eines Karo und anderer großer Geister in Israel unmöglich sein wird, was sogar vom rein orthodoxen Standpunkt aus betrachtet als Verderben und Verfall des Judentums angesehen

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