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Der Jude · 1916-09-01 · Heft 6 (September 1916) · p. 409

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 6 (September 1916)
Article
Die hebräische Sprache und unsere nationale Zukunft
Date
1916-09-01
Page
409 (sequence 3)
Language
German
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Die hebräische Sprache und unsere nationale Zukunft 409 Volkstypus, — eine Nation nämlich, deren Sprache nicht gesprochen wird, sondern lediglich als Kultursprache besteht und sich entwickelt.*) Freilich war das Verschwinden der Sprache aus dem Munde des Volkes seinerzeit ein Assimilationsmoment, aber dieser Assimilationsprozeß mußte eintreten. Die Juden bildeten überall Minderheiten unter fremden Völkern und nahmen notgedrungen deren Sprachen als Umgangssprachen an. Aber sobald das geschah, bildete sich der eigentümliche Typus eines Exilvolkes aus: ein Volk, das nur eine Kultur- und keine Umgangssprache eigen nennen kann. Nach dem Obengesagten sind im jüdischen Gemeinwesen drei Stufen zu unterscheiden: auf der ersten hat das Gemeinwesen auch eine nationale Umgangssprache, auf der zweiten nur eine nationale Kultursprache aufzuweisen, auf der dritten schließlich ist das Gemeinwesen nur auf der Gemeinschaft der Religion begründet. Wenn man von Assimilation schlechthin der Exiljudenheit redet, so versteht man darunter gemeiniglich den Verfall des durch die zweite Stufe charakterisierten Gemeinwesens und dessen Übergang zur dritten. Die französischen Juden zur Zeit Raschis z. B. sprachen Französisch; da aber ihre Kultursprache Hebräisch war, so zählen wir jenes Zeitalter nicht zu den Assimilationsperioden der jüdischen Geschichte. Wird aber auch auf dem Gebiete des geistigen Schaffens die hebräische von Nachbarsprachen verdrängt, so tritt die nationale Entartung ein und bleibt die jüdische Gemeinde nur durch die Religion zusammengehalten (die freilich auch dann noch einige erstarrte nationale Bestandteile enthält). Und auch damit soll aber kein Urteil in der vielumstrittenen Frage gefällt werden, ob nämlich das Judentum auch dem Wesen, oder nur der Form nach national ist. Ich will nur die Bedeutung der Sprache als notwendige Bedingung der nationalen Gemeinschaft, des Trägers des hypothetischen nationalen Etwas, betonen: ohne gemeinsame Nationalsprache kein organisches Zusammenwirken der einzelnen Teile der Gemeinschaft; die nationale Gemeinschaft löst sich infolgedessen von selbst auf, und somit wird, wie ächon oben erwähnt, die geschichtliche Entfaltung des nationalen Wesens unmöglich. Auch die Geschicke der jüdischen nationalen Gemeinschaft hängen mit den Geschicken der nationalen (freilich im Exil nur Kultur-) Sprache zusammen. Vom Standpunkte des sonstigen Kulturzustandes aus betrachtet läßt sich kaum ein Unterschied zwischen der alexandrinischen und der spanisch-arabischen Judenheit feststellen. Diese wie jene stand unter dem mächtigen Einfluß des griechischen Geistes, diese wie jene strebte eine Verschmelzung des Judentums mit dem Griechentum an. Wenn wir aber die alexandrinische als eine Periode der nationalen Assimilation, die spanisch-arabische aber als eine der nationalen Blütezeit betrachten, so geschieht es lediglich aus dem Grunde, daß die Kultursprache dieser das Hebräische, die jener aber das Griechische war. Es ist durchaus kein willkürlicher Maßstab, den wir hier anlegen. Tatsache ist, daß alles, was in der spanischen Periode hebräisch geschaffen wurde, als eine lebendige Kraft bis auf den heutigen Tag in unserm Volke fortwirkt, während die Erzeugnisse der alexandrinischen Epoche für unser Volk fast gänzlich ohne Wirkung geblieben sind. Das aber bedeutet eben, daß die alexandrinische Epoche samt ihrem Schaffen außerhalb der Sphäre des nationalen Zusammenlebens stand und blieb. Und was in bezug auf einzelne Teile der Judenheit zutrifft, das trifft erst recht für das ganze Volk zu. So müssen wir denn das Ab- *) Achad Haam verfällt in einen Irrtum, wenn er den auseinandergesetzten Unterschied zwischen der Beziehung der übrigen Völker zu ihren Sprachen und der des jüdischen (namentlich im Exil) zu der seinigen verwischen will. Vgl. Am Scheideweg, hebr. Ausgabe IV, Seite 118 ff.

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