Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 6 (September 1916)
- Article
- Die hebräische Sprache und unsere nationale Zukunft
- Date
- 1916-09-01
- Page
- 408 (sequence 2)
- Language
- German
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408 J. Kaufmann: wird erst durch die Sprache ermöglicht. Nation ist in erster Reihe Gemeinschaft. Und die Sprache ist das Mittel, durch das sich die Gemeinschaft ausbildet. So ist es im täglichen Verkehr der Gemeinschaftsmitglieder untereinander, so auch im höheren geistigen Schaffen. Die Sprache ist die notwendige Bedingung zur nar tionalen Vereinigung und zur Gemeinschaft des geistigen Eigentums. Infolgedessen besteht ein Volk als geschichtliches Individuum nur dank der Sprache. Tatsächlich bestätigen die Ereignisse der Geschichte das eben Gesagte, denn Leben und Tod der Nation war stets durch die Sprache bedingt: sobald sich in einer Gruppe von Menschen eine gemeinsame Sprache ausbildet, wird die Nation geboren; es stirbt aber die Nation als solche, sobald ihre Glieder das gemeinsame Band der Sprache verlieren und sich verschiedene, fremde Sprachen aneignen. Nicht umsonst sind „Nation" und „Sprache" im Hebräischen sinnverwandte Ausdrücke ("fiato na**,,). Wiewohl das jüdische Volk in der Weltgeschichte einen ganz besonderen Platz einnimmt, bildet es doch von dieser allgemeinen Regel keine Ausnahme. Denn, wenn wir das Merkmal nennen wollen, das der Exiljudenheit als Kulturwesen (d. h. abgesehen von etwaigen m. E. unbestimmbaren Rassenmerkmalen) den Charakter einer nationalen (nicht bloß religiösen) Gemeinschaft verlieh, so finden wir kein anderes als das der nationalen Sprache. Aber wie in seiner geschichtlichen Entwicklung im allgemeinen, so weicht das jüdische Volk auch hinsichtlich seiner Sprache von den übrigen Völkern ab. Bei allen Völkern wird die Sprachgemeinschaft durch die normalen Verhältnisse ihres Daseins hervorgerufen und erhalten: der gemeinsam bewohnte Boden schafft und erhält die gemeinsame Sprache. Die Massen der Völker reden ihre Sprache, weil sie keine andere verstehen. Verlieren die Völker ihren gemeinsamen Boden, so vergessen sie ihre Sprache und lösen sich deswegen in der neuen Umgebung, in die sie gelangen, auf. Nicht so bei den Juden. Schon während des zweiten Tempels waren die Juden in ihrer Mehrheit unter andern Völkern zerstreut und lernten deren Sprachen kennen. Und auch in ihrem eigenen Lande sprachen die Volksmassen wahrscheinlich nicht Hebräisch, sondern einen aramäischen Dialekt. Trotzdem aber die hebräische Sprache aus dem Munde des Volkes schwand, war das kein Grund zur Vernichtung der Nation, wie es bei anderen Völkern der Fall war. Um dies zu erklären, müssen wir folgendes in Betracht ziehen. Schon lange vor dem Untergang des jüdischen Staates wurde der Mittelpunkt des nationalen Lebens des jüdischen Volkes aus der materiellen in die geistig-kulturelle, oder genauer, in die religiöse Sphäre verschoben. Nachdem sich die staatliche Einheit des Volkes aufgelöst hatte, war das vereinigende Band des zerstreuten Israel weder eine Heimat, noch eine natürlich bestehende Sprache, sondern die Religion. Aber die Religion der Juden ward eine Quelle nationalen Lebens. Sie nahm in sich die nationalen Ideale des Volkes auf und verlieh ihnen Heiligkeit. Sie versprach dem Volke in der Zukunft die Rückkehr in die Heimat, und, was noch wichtiger ist, sie war in der Gegenwart die Hüterin seiner Sprache. Die Sprache wurde einer der Bestandteile der religiösen Kultur, und sie fand Schutz im Schatten der Religion. Aber sie war nicht Sprache der Religion im engeren Sinne, namentlich nicht die des Kultus. Sowie im Exil die Religion für die Juden zur Basis des nationalen Lebens überhaupt wurde, so wurde auch die Sprache der Religion zur Sprache der Kultur des Volkes überhaupt. Selbst als die hebräische Sprache aus dem Munde des Volkes geschwunden war, blieb sie als Sprache des kulturellen Schaffens des jüdischen Volkes bestehen. So bildete denn das jüdische Volk einen eigenartigen