Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 6 (September 1916)
- Article
- Von unserer Selbstbewertung
- Date
- 1916-09-01
- Page
- 406 (sequence 7)
- Language
- German
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4o6 Abraham Schwadron: Von unserer Selbstbewertung dies auch im Namen Gottes kommen, der dieses Volk auserwählt und ihm das Eroberte verheißen hatte. In der Geschichte auch unseres Volkes läßt sich eine Kette von Strebungen nach Macht und Besitzergreifung auf Kosten anderer nachweisen. Das Wesen des Judentums, sagen weiter die Gegner Achad Haams, ist eine dem Volke eigene, harmoniestrebige Formierung von Lebensideen, ein Schöpfungs- Ausdruck, ein Stil, aber kein bestimmter Ansichts-Inhalt, der für immer und für jeden Sohn des Volkes bindend bleiben müßte. Folglich kann auch keine fixe Ethik dieses Wesen ausmachen. Es haben übrigens in den Jahrtausenden unserer Geschichte viele ethische Grundsatzungen so vielfachen und wesentlichen Wechsel erfahren, daß es uns unmöglich sein muß, eine Richtung als das Wesen zu inthronisieren. Brenner und im verwandten Sinne Wilkanski und Jakob Rabinowitz gehen noch weiter. Für ein umfassenderes Verständnis ihrer Anschauungen ist die Vorausschickung wichtig, daß diese Freigeister in Palästina leben und arbeiten und leiden, also für sich eine „individuelle Lösung der Judenfrage" in bezug auf Land und Sprache und Lebensführung vollzogen haben. Die zwei Gegensätze nun sind ähnlich: einerseits der zwischen den werkfordernden Ideen Achad Haams und der liberalen Anschauung der Satten von der „hohen Mission des Judentums", bei der es sich so gut im Tiergartenviertel leben läßt, und anderseits der Widerstreit des PI oni er g ei st es dieser Palästinenser gegen Achad Haams Ideal einer Regeneration des Judentums durch die Ideen der jüdischen Ethik. Ihre innerste nationale Erkenntnis ist ganz profan und ganz atheologisch. Dieser gemäß bekennen jene Palästinenser mit einem tiefen Verantwortungsgefühl und einer Kraft der Überzeugung, die sie von der bekannten Sorte unserer europäischen „Freigeister" gründlich unterscheiden, daß ihnen das Problem der Erhaltung des Judentums*) nicht die jüdische Lebensfrage ist. Ebensowenig das Sich-richten nach einer Idee des Judentums, auch wenn sich eine solche feststellen ließe. Unser menschliches Gefühl, sagt Brenner, könnte sich eventuell mit Feindschaft zu unserer ganzen Vergangenheit, zu den Ideen unserer ganzen Geschichte verhalten und mit Ehrfurchtslosigkeit zu unseren Vorfahren, die den Messiasgedanken geschaffen haben — und dennoch müßten wir mit absolutem Haß gegen die Galuth erfüllt sein. Denn wir leben in unserem Volke und können uns ein Leben für uns außerhalb seiner nicht vorstellen, gleichviel, ob dieses unser Volk gut oder schlecht ist; wir sind die letzten, die unser Lager verlassen; es gibt kein für uns anderes Lager, so wie es für uns keine andere Sonne gibt, auch wenn sie uns ekelte und wir in ihr alle möglichen Flecken fänden. Wir sind Nationalisten, fanatische Nationalisten, aber wir wollen keine fixen übernommenen nationalen Gebote, die uns etwas tun ließen, das unserem innersten Geiste widerspräche. Unsere nationale Empfindung ist uns Instinkt und lebt nicht von einer Idee, sei es welche immer. Wir sind lebendig-jüdische Menschen — nichts mehr! Und wert ist uns auf jüdischem Boden jüdische Arbeit, der Kern des Kerns in unserem Leben; teuer ist uns unsere (hebräische) Sprache, die Sprache unseres Alltags und unserer Literatur; heilig ist uns unsere Ehre, die Ehre unseres Volkes und der Kampf um dessen Fortbestehen; in alledem erstreben wir die Kultur der „anderen" in unserer Form, in unserer Gasse, auf unserem Boden, bei uns, in unserem Volke: was wir getan hätten, wenn wir uns unter „jene" vermischt hätten, das sind wir bemüht bei uns nach unserer Art zu vollführen — das ist unser Nationalismus! *) Darunter solljhier überall ein geistiges Kollektivum verstanden sein, nicht die Judenheit.