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Der Jude · 1916-09-01 · Heft 6 (September 1916) · p. 405

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 6 (September 1916)
Article
Von unserer Selbstbewertung
Date
1916-09-01
Page
405 (sequence 6)
Language
German
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Von unserer Selbstbewertung 405 an unseren Feinden, Die neue, nationaljüdische Bewegung will auch darin Wandel schaffen." Abgesehen von dem allen konnte Herzl den „großen nationalen Entschluß" beim Volke als leicht voraussetzen, wenn es, wie sein mächtiger und tiefer Glaube ihm sicher erscheinen ließ, baldigst den Charter, die Zustimmung und Unterstützung der Mächte und die Milliarden der zionistischen Finanzinstrumente sehen werde. Auch Achad Haam gab zu, daß, wer Herzls Glauben an die Schnelligkeit und Vollständigkeit der Realisation teilt, die national-pädagogischen Forderungen in der Galuth fallen lassen kann. Aber er teilte nicht diesen Glauben. Darum forderte er vorerst die Verlebendigung der nationalen Ideale, was er die Regeneration des Judentums nennt; „die Judenheit wird nachkommen". Entgegen den damaligen Kongreßbeschlüssen fordert er auch die Kleinkolonisation nach seinen in der „Wahrheit aus Palästina" niedergelegten Grundsätzen. Denn im Fortgang und Ausbau dieser Kolonisation unter stärkster Betonung und Bevorzugung des Geistig-Kulturellen sieht er eben das wichtigste Fundament der nationalen Läuterung und „Wiederbelebung der Herzen". Hätten wir auch die Zustimmung der Mächte und der Türkei zur Gründung eines Judenstaates, sagt er, so ist fraglich, ob „wir in unserer heutigen moralischen Verfassung imstande wären, sie anzunehmen". Herzl aber konnte derlei Forderungen nicht anerkennen. Nicht nur weil er vom theoretischen Judentum fast nichts gewußt hat, sondern auch darum, weil er ja seine ganze Hoffnung auf die allgemein menschliche Macht der technischen Zivilisation gesetzt hat, aus der, wie er zum deutschen Kaiser sprach, „auch Konsequenzen der Menschlichkeit zu ziehen sind"; diese Zivilisation aber ist letzten Grundes für eine spezifische, prädestinierte Volksmission kein Boden. Man hört in seinen Schriften daher nur einen gleichsam aufgezwungenen Nachklang einer sekundär-akzidentiellen, nicht aber einer primär-essentiellen Mission. Das heißt; in uns, die wir durch so lange Jahrhunderte so Unmenschliches erlitten haben, muß „eine Sehnsucht nach Menschlichkeit und Gerechtigkeit sein und wir müssen sie befriedigen; vielleicht werden wir bei dieser Gelegenheit die Möglichkeit sozialer Verbesserungen entdecken, die auch Mühseligen und Beladenen anderer Völker zugute kommen werden." So hofft er. Auch die von ihm in der ersten Zeit oft gebrauchte Wendung, der Zionismus sei für diejenigen geschaffen, die sich nicht assimilieren wollen oder können, zeigt, daß er für die übrigen eine primäre ethische Volkspflicht und Forderung im Sinne einer menschlichen Aufgabe nicht statuierte. Achad Haam aber sah in vielen Gedankengängen Herzls, besonders in „Altneuland" (auch in Nordaus zionistisch-jüdischen Ansichten) einen tiefen Gegensatz zum Geiste der jüdischen Ethik, welche die Grundlage unserer Zukunft bleiben soll — nach seiner Auffassung natürlich von ihrem Wesen und ihrem volkserhaltenden Werte. Aber gegen diese Auffassungen Achad Haams eben richtet sich im hebräischen Schrifttum der letzten Jahre eine Opposition, von deren Hauptrepräsentanten hier Berdyczewski und Brenner angeführt seien. Die Forderung, sagt Berdyczewski, nach einer Übereinstimmung zwischen der Basis einer Nation, ihrer Existenz und der Ethik dieser Nation drängt sich uns zwar in gedanklicher Verbindung auf, im Leben aber machen sie sich gegenseitig die Grenzen streitig. Die Landnahme zum Beispiel ist sicherlich eine Festigung der nationalen Existenz und an sich durch die nationale Ethik geboten, kommt aber doch mit der menschlichen Ethik in vielfachen Konflikt. Der nackte Kern der nationalen Ethik ist einfach: die Selbstliebe des Volkes und sein Streben nach Vorteil; mag

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