Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 6 (September 1916)
- Article
- Von unserer Selbstbewertung
- Date
- 1916-09-01
- Page
- 404 (sequence 5)
- Language
- German
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404 Abraham Schwadron: erheischt, können wir nur tragen, wenn wir wissen, daß wir, das Volksganze, als Träger von Menschheitsidealen zu leben haben. Auch unser großer, einzigartiger Geschichtsgang wäre sinnlos ohne dieses Bewußtsein. Wir können nicht zu den Völkern gehören, deren einzige Daseinsberechtigung ihr Dasein ist. — So ist bei Achad Haam die Idee der Auserwähltheit — freilich nur im Sinne einer überragenden Verantwortung — und die weltgeschichtliche Beauftragung kraft der Ethik des Judentums, der jüdischen Unvergänglichkeit immanent. Aber im Gegensatze zur assimilatorischen, petrifizierenden Missionsidee muß für ihn die geschichtliche Beauftragung eine motorische Kraft bleiben und ist nur möglich auf der Grundlage eines normalen Lebens als Nation. Alle jene Einwendungen nun, die Achad Haam gegen manche, teils prinzipielle, teils methodische Leitlinien des Chowewe-Zionismus erhoben hatte, standen geltend und treffend auch der Herzischen Judenstaatsidee bei ihrem Auftreten gegenüber; sie empfingen dieselbe gleichsam in vorbereiteten Stellungen. Denn nach Achad Haam ist „Pinsker der Stifter des politischen Zionismus und Herzl sein Apostel". Die Richtung beider im Lösungsproblem der Judenfrage war eine rationalistischvoluntaristische. (Nur daß in Pinsker, dem in der östlichen Judenmasse lebenden, ein Volksbewußtsein lebendig war, daher der Hauptnachdruck bei ihm auf die Ehre des jüdischen Volkes gelegt wurde; bei Herzl aber, der sich sein Volk erst erfühlen und erdenken mußte, auf die Not der Juden.) Herzl hat bei der Niederschrift des „Judenstaates" vom Chowewe-Zionismus und dessen Theorien nichts gewußt; die Erwägung wäre interessant und müßig zugleich, ob die Kenntnis der Fundamente jener vorgeborenen Opposition seine Gedankengänge beeinflußt hätte. Nun, einer der Drehpunkte von Achad Haams Angriffen gegen Herzl war, daß letzterem die Einsicht von der Notwendigkeit einer Vorbereitung des Volkes vor und zu seiner Erlösung fremd sei. „Wir haben die Kraft, einen Staat und zwar einen Musterstaat zu bilden; wir haben alle menschlichen und sächlichen Mittel, die dazu nötig sind", heißt es im ,,Judenstaat". Denn nicht in unseren inferioren Qualitäten war für Herzl die allgemeine Judenfeindschaft begründet, sondern in der national-politischen und wirtschaftlichen Struktur der Judenheit: „Man haßt uns vermutlich ebensosehr wegen unserer Vorzüge, wie wegen unserer Fehler.. . Ich glaube zu erkennen, was im Antisemitismus roher Scherz, gemeiner Brotneid, angeerbtes Vorurteil, religiöse Unduldsamkeit — aber auch was darin vermeintliche Notwehr ist." Ferner sah er in der sozial-logischen Notwendigkeit des Zionismus die eherne Bürgschaft seiner Verwirklichung; und diese Notwendigkeit werde von selbst das Volk zur Tat zwingen. Im „Judenstaat" schrieb er: „Wenn die jetzige Generation noch zü dumpf ist, wird eine andere, höhere, bessere kommen." Sobald er aber in die Bewegung eingetreten war, hielt er die Realisation, im Gegensatze zu den Chowewe- Zionisten, für so gewaltig dimensionierbar, für so gründlich und so nahe, daß eine aktive Volkserziehung in der Galuth weder nötig noch möglich schien. Eine sozusagen automatische, von uns aus passive Vorbereitung des Volkes durch die Macht der Idee selber finden wir ihn freilich oft erhoffen. Zum Beispiel: „Schon die Wanderung auf diesem Wege wird uns zu anderen Menschen machen; wir gewinnen unsere innerliche Einheit wieder und mit ihr ein bißchen Charakter." Auch dafolgende, das er im Programm der „Welt" geschrieben, betrifft ein besonders grundlegendes Moment der ethischen Volksaufrichtung: „Eine der schwersten Folgen des Antisemitismus ist es, daß ,in dieser Zeit* gewisse Leute eine Art von Straflosigkeit genießen. Gerade die minderwertigen unter den Juden hatten eine Deckung