Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 6 (September 1916)
- Article
- Von unserer Selbstbewertung
- Date
- 1916-09-01
- Page
- 403 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Von unserer Selbstbewertung 403 Erwachen der Nationen ihren Ursprung hatte, — Repräsentant: Pinsker — und aus einer religiös-transzendental-romantischen, die dem Messianismus und der alten Liebe zu Palästina entsprang; Repräsentanten: Heß und Kalischer. Aus beiden diesen Ableitungen folgte eine Auflehnung gegen die deklassierende Einschätzung des Jüdischen in der vorhergehenden Epoche: bei der traditionell-religiösen Strömung im Chowewe-Zionismus erfolgte diese Auflehnung aus dem alten Bewußtsein der Auserwähltheit, aber auch der rationalistischen Richtung konnte die Einsicht nicht schwer sein, daß wir den frisch emanzipierten Natiönchen des Balkans z. B. in nichts nachstehen. Aber die Anfeindung und Verachtung der Welt? Die, sagt Pinsker, beruht auf dem bei uns vorhandenen Mangel an Gefühl und Tatsächlichkeit der Ebenbürtigkeit mit den anderen Nationen; denn uns fehlen die Attribute einer Nation: Land und Sprache. Aufklärung der „anderen" hilft nicht; denn die Judophobie ist eine Psychose. Auch ein neuzeitlicher Grund unserer Verächtlichkeit wird jetzt von Heß eingesehen: die niedere Art unserer Anbiederung an unsere Emanzipatoren, die feig und verlogen ist. — Dergestalt änderte sich die Richtung des Lösungsversuches der Judenfrage wieder vom Externen ins Interne und vom Passiven ins Aktive. Nun lag in dieser Gärung wohl ein Impuls zur Tat der Befreiung, aber für den Ruf nach einer vorhergehenden national-pädagogischen Läuterung schien eine Notwendigkeit nicht vorhanden zu sein. Als einzige Vorarbeit, die nötig wäre, damit das jüdische Volk das Bedürfnis nach seiner nationalen Erneuerung empfinde, sah man die Propagierung an. Aber die bald darauf gewonnene Erfahrung, wenn auch nicht die Überlegung, widerlegte dies: Jahre der direkten Werbung und der praktischen Palästinaarbeit waren verflossen und es zeigte sich, daß weder die Durchführungsart dieser Arbeit eine zielentsprechende, noch daß die Propaganda allein imstande war, bei der Volksmasse das tätige Bedürfnis nach nationalem Werkleben hervorzurufen. Achad Haam tritt jetzt in die Öffentlichkeit. Ist die Feindschaft gegen die Juden, sagt er, eine hereditäre Psychose, so ist unser jahrhundertealter Indifferentismus gegen eine spezifisch völkische Aktivität auch eine solche; das Volk ist darum in seinem gegenwärtigen Zustand zu einem großen nationalen Werke nicht fähig. Folglich muß der seelische Boden für den „nationalen Entschluß" vorerst melioriert werden — die Idee der Volkserziehung tritt expressiv in die Bewegung. Die Ansätze dazu in der Haskalah waren negativ gerichtet: auf Selbstentäußerung zumindest im Äußerlichen; auf die stärkste Positivität aber will sie jetzt Achad Haam gewendet wissen: auf die Ideen und das Wesen des Judentums, auf seine nationale Ethik. Und er legt den Nachdruck auf die jüdische nationale Ethik, nicht auf die Ethik im Nationalen allein. D. h. die jüdische Grundanschauung über das Wesen der Ethik schlechthin, wonach Rieses Wesen auf der absoluten Gerechtigkeit und -auf der Suprematie der geistigen Kräfte über die materiellen beruht, ist für ihn Ausdruck und Grundlage des innersten nationalen jüdischen Seins. Die lebendige Verbundenheit des Volksganzen oder zumindest eines großen Teiles mit diesem ureigensten Volksideal muß durch die Volkserziehung vorher erzielt sein, damit der „nationale Entschluß" zum Werke der Heimkehr möglich werde. Die Verbundenheit des Individuums mit dem Überindividuellen der völkischen Gemeinschaft in der Form des „National sein" allein, das bei anderen Nationen auch ohne übergeordnete Weltaufgaben genügt, ist nach Achad Haam für uns unausreichend. Das Gewaltige, das wir bei unserem allseitig anormalen Leben zu erleiden haben, und die unvergleichliche Anstrengung, die unsere Erlösung 28*