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Der Jude · 1916-09-01 · Heft 6 (September 1916) · p. 402

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 6 (September 1916)
Article
Von unserer Selbstbewertung
Date
1916-09-01
Page
402 (sequence 3)
Language
German
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402 Abraham Schwadron: Wer aber Fatalismus in jedweder Form als energietötend ansieht — und jeder willentliche Erneuerungsimpuls muß dies voraussetzen — der wird der Haskalah- Bewegung das große Verdienst zusprechen müssen, die Lösung der Judenfrage oder zumindest dessen, was zu jener Zeit schwächlich und engräumig dafür gesetzt wurde, vom Himmel auf die Erde, also vom Externen ins Interne und vom Passiven ins Aktive verlegt zu haben. Auch die Idee, daß unser Volk durch Beeinflussung aus sich heraus zu einer gewünschten Entwicklung geführt werden kann und soll, trat da bereits deutlich in die Erscheinung — wenn wir auch heute das Ziel nicht billigen. Die Entwicklung nun von dieser Aufklärung bis zur liberal-fortschrittlich-freisinnigen Anschauung, die im heutigen Westjudentum herrscht, kann man als eine einseitige Erfüllung ansehen. Jene Forderung nämlich: „Sei Mensch!" ist realisiert worden — glauben unsere Zufriedenen. Darum konnten sie sich formell die Rückkehr zur vorhaskalistischen inneren Passivität leisten und im Zurückgreifen auf die Auserwähltheit ist es möglich geworden, daß man alles, was nach außen an Jüdisches erinnert, wie die Pest meidet, im Tempel aber und bei „ßude"haften Anlässen mit dem pompösen Missionsgedanken kokettiert. In offiziellen Enunziationen von dieser Seite heißt es oft, wie z. B. im bekannten Antizionistischen Manifest vom Februar 1914: „Wir bitten unsere deutschen Glaubensgenossen in ihrer Gesamtheit nach wie vor der Welt ein leuchtendes Beispiel zu geben usw." Diese Überhebung! Sie müßte verheerend auf unser Volk wirken, wenn sie, verantwortungsvoll-ernst gemeint, in das Volk dringen würde und nicht letzten Grundes eine Pose wäre gegen die bösen Antisemiten, Das abstoßend eifrige Verstecken alles Jüdischen zeugt, daß man letzteren innerlich recht gibt; offiziell aber bleiben alle, die den Juden nicht mögen, entweder dumme Finsterlinge oder Lumpen. Die Hoffnung nämlich, durch die angestrebte Selbst-Entjudung werde die Verachtung der „anderen" aufhören, mußte eben nach so vielen Jahrzehnten als eine trügerische erscheinen. Darum schwand das teilweise autoemanzipatorische Prinzip der Aufklärung und ein heteroemanzipatorisches trat an seine Stelle. Das heißt: auf daß die Judenfeindschaft schwinde, müssen die „anderen" sich bessern; Licht der Aufklärung und des Fortschritts muß bei den „anderen" werden, damit wir „Ruhe haben". Für eine Volks er Ziehung in uns war so wieder jeder Ausgangspunkt verloren. Im Gegensatz zu diesen offiziell Zufriedenen stehen die, welche mit der Judenheit, wie sie jetzt ist, unzufrieden, einem Ausweg zustreben. In diesem Punkte gleichen sich zwei sonst extrem feindliche Ansichten: die, welche auf eine vollständige Auflösung des Judentums, und die, welche auf eine nationale Regeneration geht. Als bewußter Repräsentant der ersten möge uns vielleicht Otto Weininger dienen, der die allseitige und allzeitliche Judenfeindschaft als ganz berechtigt ansieht, als Wunsch der Guten, das absolut Schlechte, welches im Juden, besser: im jüdischen Wesen verkörpert ist, zu vertilgen. Aber auch der Zionismus stellt eine Kalamität fest, zugleich mit der Notwendigkeit und Möglichkeit, sie zu beheben. Wer sagt, der Zionismus sei durch den Antisemitismus hervorgerufen und lediglich auf ihm begründet, hat unrecht; recht aber, wer einsieht, daß die Zustände und die Meinungen der Welt, welche die Judenfeindschaft möglich und tatsächlich gemacht, auch für den Zionismus Möglichkeit und Rahmen gegeben haben. Aus zwei Quellen wurde das Strömlein des Chowewe-Zionismus geboren und gespeist: aus einer rationalistisch-modernen, die im allgemein europäischen

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