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Der Jude · 1916-09-01 · Heft 6 (September 1916) · p. 401

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 6 (September 1916)
Article
Von unserer Selbstbewertung
Date
1916-09-01
Page
401 (sequence 2)
Language
German
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Von unserer Selbstbewertung 401 „Kommt, laßt uns ins heilige Land ziehen!" (Das Fasten und Beten war bereits etwas Sekundäres, der Ausdruck momentaner Erschütterung und Ekstase.) Aber wir finden keine Bewegung mit der ausschließlichen Forderung: „Auf, laßt uns uns bessern, auf daß uns Gott erlöse!" Nicht also konnte damals für den Juden das Judenproblem diese Form annehmen: „Sind wir wirklich aller Schlechten Schlechteste? Vielleicht ist wirklich Blindheit in bezug auf uns selbst unser Erbteil? Vielleicht ist die allgemeine Übereinstimmung uns nur darum nicht Maß und Richter, weil sie hier gegen uns gerichtet ist?" So fragten wir uns nicht. Sondern mitten durch den allzeitigen und allweltlichen Spott und Haß waren wir uns bewußt, Gottes dunkle, unbegreifliche Wege zu wandeln — mit Stolz und mit Sicherheit. Als aber der Geist des Rationalismus die Aufklärung geboren hatte und das Gedankenleben der westlichen und später, als Haskalah, auch das der östlichen Juden zu beeinflussen begann, da ist jene Berufung auf das Unbegreifliche im Judenproblem unmöglich geworden. Gehörte doch zu den Grundprinzipien des Rationalismus die Überzeugung: es gibt nichts, das der Verstand nicht zumindest potenziell zu erfassen imstande wäre, und weiters: es gibt kein menschliches Verhältnis, das, durch den Verstand klar erfaßt, sich nicht verstandesmäßig und zweckdienlich ändern ließe. Also durfte die Antwort auf die uralte Frage: „Warum sind wir das meist bedrängte Volk?" auf keine extern-göttliche, sondern auf internmenschliche Voraussetzungen hinweisen. Und die Antwort war wahrlich menschlich im eigentlichsten Sinne dieses Wortes: weil unser Leben nach Form und Inhalt so wenig allgemein menschlich gerichtet ist, darum werden wir verfolgt; weil wir durch so viele jüdische Gebote und Verbote und „Zäune um die Verbote" in Rückständigkeit beengt sind, können wir den anderen nicht gleich sein. „Sei Mensch!" war in mehr als im kosmopolitischen Sinne die innere Hauptforderung der Haskalah. In dieser Statuierung eines Gegensatzes zwischen Menschlich und Jüdisch, mit Jüdisch als dem Inferioren, lag einerseits eine Anerkenntnis der gleichen Ansicht der Außenwelt über das Jüdische — wobei oft das Jüdische dem Ghettomäßigen synonym gesetzt wurde — anderseits auch eine Fortsetzung der überlieferten eigenen Volksmeinung über einen Gegensatz des auserwählten Volkes zu allen anderen. Nur bekam jetzt die Auserwähltheit das entgegengesetzte Vorzeichen: das negative an Stelle des positiven. Eine von Gott gewollte Auserwähltheit war für diesen Rationalismus eine Undenkbarkeit. Dagegen war ihm die Inferiorität des Jüdischen nur eine Frucht von Aberglauben und Beschränktheit und hätte leicht und — wie alles im Reiche der Göttin der Vernunft — kraft vernünftiger Einsicht von heute auf morgen behoben werden können. Den „anderen" lag die Verworfenheit der Juden in der Kategorie individuell-moralischer und sozial-ethischer Vergehen, d. i. im Verhältnis des Einzelnen zum Nebenindividuum und zum Überindividuellen der bürgerlichen Gemeinschaft: sie brauchen Christenblut, vergiften Brunnen, treiben Wucher, exploitieren die Bevölkerung u. dgl. Was aber empfahlen die jüdischen Aufklärer bei den Juden zu emendieren! Daß ein Großteil der jüdischen Eigenarten, die den anderen als Unarten erscheinen, ja doch nicht an sich, sondern weil jüdisch, unausstehlich ist, sahen sie auch nicht. Wahrlich, wenn man vergleicht, bis zu welchen Tiefen der Volksseele z. B. Fichte hinuntergestiegen ist, um sie mit den Höhen sittlicher Kraft zu vermählen und so das Verhältnis des Einzelnen zu Volk und Staat auf neue Grundlagen zu stellen, so schämt man sich der kurzsichtigen Kleinlichkeit unserer Aufklärer und Reformer. Heft 6. 28

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