Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1916-09-01 · Heft 6 (September 1916) · p. 400

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 6 (September 1916)
Article
Von unserer Selbstbewertung
Date
1916-09-01
Page
400 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3101111-3101112-8875879-3106941--0575-3107010
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

4QQ Abraham Schwadron: VON UNSERER SELBSTBEWERTUNG*) Es gibt ein Problem und es gibt ein Rätsel. Der Unterschied zwischen beiden sitzt nicht im Objekt des Aufzuhellenden, ihn setzt das Subjekt des Aufhellungsuchenden durch seine Gefühlstönung. Ist es letzterem möglich, Beschränkung auf enge Grenzen walten zu lassen, auch Fäden zum eigenen Ich nicht zu ziehen und darum auf die Lösung innerlich leicht zu verzichten, so bleibt es nur Rätsel, sonst wird es ihm zum Problem; mit dem Problem ist die leichtbange Beklemmung des Staunens verbunden, mit dem Rätsel nur kaltes Nichtwissen. Solch ein Problem mit der Tönung schmerzlichsten Gefühls ist seit Beginn der jüdischen Aufklärungsepoche für jeden nachsinnenden Juden der consensus omnium in der Judenverachtung und im Judenhaß. Früher war es nur Rätsel, Gottes Rätsel. Das Wort der Bibel: „Und du wirst zum Entsetzen sein, zum Gleichnis und zur Stachelrede unter all den Völkern, dahin dich der Ewige treiben wird" gab Gewißheit und Fassung. Gott will es; es gehört zu seinem Galuth-Plane. Wir können und wollen nichts dagegen beginnen; ER wird es dereinst ändern und uns über alle unsere Feinde herrlich erhöhen. Gott sind wir kraft der Thora das auserwählte Volk —• wessen Schmähung ist gewichtig genug, um uns zu treffen? So stand das Bewußtsein des Volkes. Allerdings war der Ausgangspunkt und die Ursache der**) Galuth menschlich determiniert. Die Wendung nämlich ist stereotyp: „Unsere vielen Sünden wegen sind wir aus unserem Lande vertrieben worden". Auch ist öfters in der Agadah die Feststellung zu finden: heute kommt der Messias, wenn wir seiner wert werden. Jedoch muß hervorgehoben werden, daß zumindest ebensoviele Stellen sich aufweisen lassen, wo für die Zeit der messianischen Erlösung die tiefste Sittenverderbtheit in unserem Volke vorausgesagt wird. Und für die Betrachtung des volkserzieherischen Wertes dieser Anschauung besonders im orthodox-traditionellen Judentum von heute ist die Konstatierung wichtig, daß das lebendige Bewußtsein des Zusammenhanges unseres äußeren Volksgeschickes (nicht des einzelnen) mit unserem Gut- oder Bösesein immer mehr geschwunden ist. Das gehört auch mit zur Erklärung, warum dieses orthodox-traditionelle Judentum ebenso wie das liberale heute jede Beziehung zu einer prinzipiell jüdischen Entwicklung und Erneuerung ablehnt. Heute ist für die orthodoxen Massen der talmudische Ausspruch maßgebend: „Die Generation, der der Messias erscheint, wird entweder ganz schuldvoll oder ganz schuldlos sein." So verstehen wir es, daß sich in allen messianischen Bewegungen und Erschütterungen immer nur der Ruf findet: *) Das Erscheinen des zweiten Bandes von Achad Haams „Am Scheidewege" in deutscher Sprache (übersetzt von Dr. H. Torczyner, Jüdischer Verlag, Berlin 1916) veranlaßt mich, diesen Aufsatz, der schon vor einiger Zeit im Rahmen einer größeren Arbeit geschrieben worden ist, jetzt zu veröffentlichen. Dieser Band enthält in der Hauptsache nämlich die Kritik der zionistischen Ideen Herzls und die Entgegenstellung von Achad Haams Zionismus des „geistlichen Zentrums". Nun weiß man in breiteren westeuropäischen zionistischen Kreisen wohl, daß der Achad-Haamismus vom politisch-kolonisatorischen Standpunkt aus Gegnerschaft gefunden hat; wenig aber, daß ihm im Osten und in Palästina auch Gegner erstanden sind, die die Wurzeln seiner Kulturanschauungen angreifen. So z. B. ist mir zumindest keine Publikation in deutscher Sprache bekannt, die die Gegnerschaft Brenners gegen A. H. behandelte. Diese Streitfragen werden nun hier in ihren Grundlinien vorgeführt, wenn sie gleich nur soweit behandelt werden konnten, als sie in den Rahmen dieses meines Versuches eingehen, wobei ich noch dazu durch den knappen Raum gebunden war, der mir hier zur Verfügung stand. **) Ich gebrauche Galuth als Femininum, wie im Hebräischen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.