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Der Jude · 1916-09-01 · Heft 6 (September 1916) · p. 398

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 6 (September 1916)
Article
Ein Wort über Achad Haam
Date
1916-09-01
Page
398 (sequence 3)
Language
German
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39» R. Seligmann: der jüdischen Intelligenz seiner Zeit, die ihm zur Realisierung seines nationalkulturellen Ideals wenig verläßliche Anhaltspunkte zu bieten schienen; daher seine Indifferenz dem Parteitreiben gegenüber, das seinen Forderungen fern steht. Achad Haam ist der Mann der Imperative und der Forderungen, er stellt gewisse Bedingungen auf und zeichnet eine bestimmte Richtung vor; die jüdische Intelligenz aber, die er vor Augen hat und innerhalb deren er wirken mußte, folgte zu ihrem größten Teil blindlings dem Zuge ihrer Zeit, Ohne viel danach zu fragen, wohin die von ihr betretenen Bahnen führen werden. Daher die Entfremdung zwischen dieser und ihm — er war nicht dazu geeignet, die einmal geschaffene Sachlage und die einmal gegebene Wirklichkeit bedingungslos zu akzeptieren, nicht dazu geeignet, sich vom Strome und den „Strömungen" passiv tragen zu lassen. In die Fragen des jüdischen Lebens trug Achad Haam ganz bestimmt einen ausgesprochenen Dualismus hinein, der nicht umhin konnte, die Gemüter zu erregen. Daß die jüdische Kultur eine Sache für sich sei und mit den Problemen der jüdischen Ökonomik nicht vermengt werden dürfe, daß es Fragen disparater Ordnung seien und sich in zwei voneinander verschiedenen Ebenen bewegen, daß die Lösung des einen keineswegs die des anderen mit sich bringen müsse — dieser von Achad Haam mit Nachdruck wiederholte Gedanke schien vielen seiner Zeitgenossen unerträglich. Für den größten Teil der national gesinnten jüdischen Intelligenz, der eine Erneuerung der jüdischen Kultur einzig und allein aus einer Neugestaltung der realen Verhältnisse erhoffen zu können glaubte, dessen durch positivistische Vorurteile großgezogene Denkgewohnheiten es ihm nicht gestatteten, den Geist als ein Fürsichseiendes zu fassen, mußte dieser Gedanke als eine hochmütige Herausforderung klingen. Und an diesem Gedanken hielt Achad Haam in olympischer Ruhe unentwegt und unbeirrbar fest, während die national gesinnte jüdische Parteiintelligenz hastend, keuchend und strauchelnd sich den mühsamen Weg zum unklaren Ziel ihrer unbestimmten Erwartungen durch das Gewühl der jüdischen Gasse bahnte. Sicher und ruhig ging Achad Haam seinen Weg mit der Miene eines Menschen, der weiß, was er will, und die einzuhaltende Richtung genau kennt; die jüdische Parteiintelligenz um ihn herum, die der Weisung dessen folgte, was sie das unmittelbare Leben nannte, zeigt es ich hingegen unruhig, nervös und verwirrt — gefoppt und genasführt wie sie war von den tausend Launen ebenderselben Straße, die sie sich zu meistern vornahm. Dies allein genügte schon vollauf, um eine Verstimmung und Erbitterung gegen ihn zu erzeugen. Aber Achad Haam tat noch ein weiteres, um die Erbitterung zu verschärfen und die Verstimmung auf die Spitze zu treiben. Er war nicht der Mann, der an dem einmal konstruierten abstrakten Schema sein Genüge fand, es bei der Aufstellung eines Prinzips bewenden lassend, sondern ei machte ernstliche Anstalten, diesem Prinzip auch greifbare Gestalt zu geben. Den Typus des Überjuden, den er sich im stillen ersonnen, wollte er gezüchtet wissen, und zwar nicht in entrückter Zukunft, sondern womöglich bald, in einer ganz greifbaren zeitlichen Nähe. Die Palästinabewegung kam dieser seiner kulturellen Sehnsucht sehr zu statten: sie sollte den belebenden Atem in die Figur seines Golems hineinhauchen, sie sollte ihm die Mittel in die Hand spielen, jenen guten Europäer ins Leben zu rufen, der zugleich Jude in des Wortes höchster Bedeutung sein sollte. Wir sagen Palästinabewegung und nicht Zionismus, denn der Zionismus herzlischer

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