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Der Jude · 1916-09-01 · Heft 6 (September 1916) · p. 397

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 6 (September 1916)
Article
Ein Wort über Achad Haam
Date
1916-09-01
Page
397 (sequence 2)
Language
German
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Ein Wort über Achad Haam 397 rechtigkeit und Objektivität zu behandeln. Durch die kühle Ablehnung all jener Bewegungen, die im Schöße eines großen Teiles der jüdischen Gesellschaft während der letzten Jahrzehnte entstanden sind, durch die ostentativ zur Schau getragene Indifferenz gegenüber all jenen Kämpfen, die die jüdische Intelligenz der sogenannten Ostjudenheit in ihrem Innersten bewegten, machte Achad Haam viel böses Blut und forderte zu erbitterten Angriffen heraus. Aber es war dies gewiß keine Indifferenz, die aus Uninteressiertheit hervorgeht. Für Achad Haam handelte es sich ausschließlich um die Wahrung und Förderung eines bestimmten kulturellen Typus, der seinem geistigen Blick beständig vorschwebte, den er in der neueren Generation schmerzlich vermißte und nach dessen Verkörperung im Leben er sich sehnte und rang. Es ist dies der Typus eines Menschen, der den Geist der Epoche in des Wortes vornehmster Bedeutung in sich aufzunehmen versteht und zugleich sich als fähig erweist, ihm eine ausgesprochen jüdische Prägung im Sinne einer ganz bestimmten Kulturrichtung zu geben. Es handelt sich mit anderen Worten für Achad Haam um die kulturelle Kontinuität im Flusse der jüdischen Wirklichkeit. Nur so will er die jüdische Nationalität verstanden wissen — nicht als eine Gruppe von Menschen, die sich von ihrer nichtjüdischen Umgebung bloß durch bestimmte sozialpsychische Merkmale unterscheidet, welche letzteren im übrigen nicht notwendig und nicht unbedingt mit ihren im Laufe von Jahrhunderten erarbeiteten Kulturformen zusammenhängen müßte, sondern als eine Gemeinschaft, die den Stempel dieser Formen an der Stirne trägt, und die befähigt und gewillt ist, ihre kulturellen Errungenschaften zu neuen Werten zu verarbeiten. Für Achad Haam hatte es wenig zu bedeuten, wenn man ihm sagte, die Juden würden nach wie vor in den Ländern der Zerstreuung eine Volkseinheit mit einer charakteristischen Physiognomie und von einer besonderen Mentalität bilden. Auf eine derartige, ganz formale Einheit kam es ihm wahrlich nicht an; was er suchte und wonach er strebte — das war eine materiale inhaltliche Einheit, eine Einheit, die mit ihrer eigenen Vergangenheit beladen ist und mit ihrer eigenen Zukunft schwanger geht, eine solche, die die Glieder der Gruppe nicht durch gewisse psychische, in kulturellem Sinne, übrigens indifferente Attribute miteinander punktuell im Räume, sondern sie durch objektive Werte kontinuierlich in der Zeit verbindet. Eine Gruppe von Menschen mit einem besonderen Leben — aber der Umstand der Besonderheit an und für sich hatte in den Augen Achad Haams keine besondere Bedeutung; sie war ihm nicht mehr und nicht weniger als die unzähliger anderer Volksgruppen, die ebenfalls eine Eigenart besitzen und sie aufrecht zu erhalten suchen. Seid ihr mir mehr wert als die Äthiopier? könnte Achad Haam mit dem Propheten ausrufen. Es fragte sich eben, ob diese Eigenart alle jene Bedingungen zu erfüllen vermöchte, die sie zu einem der jüdischen Geschichte würdigen Kulturfaktor erheben sollten, ob sie gewisse objektive Werte in sich verkörpern würde, ob sie die Gewähr für eine bestimmte Geistesprägung bieten könnte, die für Achad Haam von ausschlaggebender Bedeutung war. Aus dieser Seelenstimmung heraus müssen wir ihn verstehen und nach dieser Geistesverfassung müssen wir ihn beurteilen, wenn anders wir ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen und uns nicht in ebenso unfruchtbaren wie unerquicklichen Zänkereien verlieren wollen. Daher die kühle Zurückhaltung gegenüber den gesellschaftlichen Bewegungen innerhalb

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